Maneks Listen
| Bezeichnung | Wert |
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| Titel |
Maneks Listen
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| Untertitel |
Roman
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| Verfasserangabe |
Niko Hofinger
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| Medienart | |
| Sprache | |
| Person | |
| Verlag | |
| Ort |
Innsbruck
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| Jahr | |
| Umfang |
216 S.
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| ISBN13 |
978-3-99039-120-4
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| Annotation |
Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Walter Grünzweig; #Verfremdete Fiktion#Niko Hofingers Roman »Maneks Listen«#Eigentlich ist dieses Buch kein Roman, und wenn, dann nur im Sinne des ihm vorangestellten bekannten Twainschen Mottos: »Truth is stranger than fiction.« Der Text steht in einem multimedialen Kontext, denn er entstand als Resultat der umfangreichen Recherchen des Autors für einen israelischen Dokumentarfilm. Niko Hofinger, Historiker, unterstützte jahrelang die Arbeit eines israelischen Filmteams; seine Danksagungen füllen fünf Seiten und richten sich an über 250 Personen. Als der Film fertig war (Erstsendung im ORF im März 2018), verfügte Hofinger noch über so viel nicht verwendetes Material, dass er sich entschloss, es literarisch zu verwerten. Vor allem jedoch ging es ihm, und hier kommt wieder die Gattung Roman ins Spiel, um einen Perspektivenwechsel.#Die unglaubliche Geschichte erzählt von einem komplexen Identitätswechsel. Die Recherchen des israelischen Enkels eines Israelauswanderers der Zwischenkriegszeit führen zur Entdeckung, dass der langjährige Präsident der Innsbrucker Israelitischen Kultusgemeinde, Ernst Beschinsky, diesen Namen nur angenommen hatte und ursprünglich ein Wiener Jude namens Manek (Emanuel) Willner gewesen war. Ernst Bechinsky (das -s- hatte sich durch eine Unachtsamkeit in den angenommenen Namen eingeschlichen) war ein Jugendfreund Maneks. Er hatte sich in Israel auf Dauer niedergelassen und benötigte seine Identität in dem von Hitler okkupierten Österreich (und auch danach) nicht mehr. Willner jedoch, der polnischer Staatsbürger war, rettete sie das Leben: »Die beste Entscheidung war sicher, in der Mitte meines Lebens die osteuropäische Schtetl-Problematik hinter mir zu lassen und zu einem 1a bürgerlichen Wiener Juden zu werden.«#Während der investigative Film aus der Perspektive des israelischen Enkels entwickelt wird und dabei auch die Entwicklung einer berührenden persönlichen Beziehung zweier Angehöriger je einer Täter- und einer Opferfamilie (inzwischen der dritten Generation) darstellt, kommt im »Roman« der »falsche« in der ersten Person Beschinsky zu Wort. In einer etwas gewöhnungsbedürftigen Erzählsituation liefert er dem »Historiker« (Niko Hofinger) aus dem Grab heraus über ein Telefon ohne Nummer seine autobiografische Version der Dinge. Zusätzlich in Frage gestellt wird die fiktionale Plausibilität noch durch den Abdruck zahlreicher Dokumente und Bilder aus dem Leben der Beteiligten insbesondere von Willner-Beschinsky , die der vorgeblichen Fiktion eine generisch unwahrscheinliche dokumentarische Grundlage geben.#Genau dieser postmoderne Zug des Textes (man fühlt sich an Beispiele des new journalism, aber auch an die genau recherchierten Romane und Kurzgeschichten Erich Hackls erinnert), der nicht so sehr »Wirklichkeit« fiktionalisiert, sondern Fiktion verfremdet, trifft jedoch gut die Situation des mutierten Juden, der sich in seiner neuen Identität einrichten muss. Als er sein Begräbnis reflektiert, kommt ihm diese Verquickung von Fiktion und Realität voll zu Bewusstsein. Ein Mitglied der Kultusgemeinde, Paul Reitzer, spricht die letzten Worte und der redselige Verstorbene kommentiert das wie folgt: »Er ist erschüttert, und ich bin es, glaube ich, auch. Da steht mein bester Freund an meinem offenen Grab, erzählt meinen Lebenslauf und kein einziges Wort davon ist wahr. Ich habe es nie übers Herz gebracht, ihm den anderen Teil meiner Geschichte zu erzählen.«#Dieser andere Teil sind die Erlebnisse eines pikaresken Schlemihl, der seinen Häschern »immer einen Zug voraus gewesen ist, manchmal zwei«. Er sagt: »Ich bin ruhig geblieben, habe mir um drei in der Früh Sachen ausgedacht, die ich wenn ich sie mir gemerkt habe dann um halb sieben begonnen habe umzusetzen.« In dieser Schelmenhaftigkeit liegt das Wesen dieses Charakters. Er ist zwar vom Historiker Hofinger sorgfältig dokumentarisch belegt, die Interpretation dieser Erzählerfigur, die der Film übrigens nicht gibt, wurde jedoch vom Autor vorgenommen der die Rolle des »Historikers« im Roman auch relativiert. Willner-Beschinsky ist einer, der sich immer durchwurschtelt, der durch Klugheit, Menschenkenntnis und verdientes Glück nach einem lebensbedrohlichen Fall immer wieder auf die Füße kommt.#Dadurch nimmt er keine Opferrolle ein und kann umso glaubwürdiger die Ereignisse seines Lebens zwischen 1902 und 1987, also fast des gesamten 20. Jahrhunderts, ironisch kommentieren. Das beginnt mit dem Fremdheitsgefühl des Juden im Wien der Zwischenkriegszeit (verstärkt durch die polnische Herkunft seiner Familie), setzt sich fort im erzwungenen Untergrunddasein in Zagreb während der Kriegsjahre (und danach paradoxerweise in einem Gefängnis des Tito-Staates) und endet mit seiner späten Präsidentschaft der Innsbrucker Kultusgemeinde, im Verlaufe derer er uns an der verlogenen Wiedergutmachungspolitik der Tiroler Politik (wie auch am gedämpften Antisemitismus des öffentlichen Lebens) sozusagen posthum teilnehmen lässt. Die »Listen« des Titels beziehen sich neben Schindler auf eine Reihe von biografisch relevanten Listen im Buch, die dessen dokumentarischen Charakter verstärken, mehr noch aber auf die Klugheit des Protagonisten, der seine Gegner immer wieder überlistet.#Zwar ist der Erzähler ein Schelm, aber der Roman hat auch eine strahlende Heldin Ilse, Willner-Beschinskys langjährige Gefährtin. Sie entstammt einer Familie Tiroler Nazis, die bereits 1933 in die Partei (und teilweise auch schon vor dem »Anschluss« in die SS) gefunden hatten. Ilse verweigerte jedoch den familiären Druck und stand durch dick und dünn zu ihrem Manek. Sie versteckt ihn unter Gefahr ihres Lebens in Zagreb in ihrer Wohnung, hilft dann, ihn aus jugoslawischer Gefangenschaft zu befreien, und bleibt auch in der relativen Nachkriegsnormalität seine treue und attraktive Begleiterin. Ihre Rolle kommt zwar der einer Gerechten unter den Völkern gleich, was sie aber über ein mögliches (weder im Roman noch im Film dokumentiertes) humanitäres Ethos hinaus an dieser doch sehr mittelmäßig scheinenden Beziehung festhalten ließ, lässt auch der Roman offen vermutlich einfach die Liebe. Dieses außergewöhnliche Beispiel einer tiefen Beziehung zwischen Menschen aus der Opfer- und der Tätergruppe, zwischen Juden und Nicht-Juden, ist es, was nach der Lektüre dieses Buchs zurückbleibt. Man kann es einbringen in unserer Zeit erneuter Herausforderungen, die an das Verhältnis von Juden und Nicht-Juden in vielen Ländern Europas gestellt werden.## ---- #Quelle: Pool Feuilleton; #Elementare Romane dringen wie eine Naturgewalt in die Kunstbauten des Lesers ein und durchpflügen sein Weltbild und machen ganze Leseflächen instabil.#Niko Hofinger legt mit seinem Roman "Maneks Listen" alles um, was sich der Leser als stabile Wahrheitspfosten ins Erdreich geschlagen hat. "Maneks Listen" ist ein Roman der Irritation und der wahren Geschichtsschreibung. Schon der Vorsatz von Mark Twain sagt eigentlich alles: Die Wahrheit ist verrückter als die Fiktion, aber das ist so, weil die Fiktion verpflichtet ist, sich an Möglichkeiten zu halten; die Wahrheit aber nicht.#Der argwöhnische Leser wird zuerst den Anhang aufsuchen, wo hunderte historische Quellen, Vertrauenspersonen und Institute aufgezählt sind, die das Erzählte glaubwürdig erscheinen lassen. Im Text ist jede Menge Fotomaterial eingespeist, das zumindest auf den ersten Blick belegt, dass das Erzählte auch ein Abbild hat, wenn man danach fragt. Und immer wieder tauchen Listen auf, Einrichtungsgegenstände, die akribisch dokumentiert sind, Gerätschaften, Personenverzeichnisse.#Dahinter steckt die seit Heimrad Bäcker zur größten Kunst ausformulierte Überwältigung der Bürokratie durch Listen. Die pure Liste ist das heimtückischste und zeitloseste Dokument, im schlimmsten Fall sind es nämlich Todeslisten, die von einem Jahrgang übrigbleiben.#Im sogenannten Roman geht es um Doppelgänger, um Tarnung und ums pure Überleben. Über den ehemaligen Präsidenten der Innsbrucker Kultusgemeinde soll ein Film gedreht werden, Pech ist nur, dass unter dem Namen Ernst Beschinsky nicht nur in Innsbruck jemand begraben liegt sondern auch in Israel.#Ein zeit-ungebundener Historiker nimmt darauf hin mit dem Innsbrucker "Jenseitigen" Kontakt auf und ringt ihm noch einmal seinen Lebenslauf ab. Zusammen mit Dokumenten erzählt Ernst Beschinsky seinen Teil der Geschichte, die dadurch zum Original wird.#Das Lebensmotto lautet: vorbei - ausgesessen, jetzt - schnell, dann - was kann man wissen? (8)#Der Protagonist gibt dem Historiker artig Auskunft, dabei gliedert er sein Leben in zehn Kapitel der persönlichen Zeitrechnung, sowie in historische Jahre, die den allgemeinen Zustand der Welt beschreiben. Ein Leben lang hat der Held mit diversen Identitäten zu kämpfen gehabt und es ist ihm irgendwie selbst ein Rätsel, wie wasserdicht die einzelnen bürokratischen Listen letztlich seine erfundenen Daten gewürdigt haben.#Der Historiker fragt einmal, warum er sich als Jude noch einmal eine jüdische und keine arische Identität zum Überleben zugelegt habe. Da schmunzelt der Angesprochene, eine arische Identität wäre in seinem Kontext aufgeflogen. (89)#In skurrilen Seitenbemerkungen äußert sich der Held auch über die unmittelbare Tiroler Zeitgeschichte, wie man den jüdischen Friedhof so lange umgebettet hat, bis nichts mehr zu tun war, wie bei Ehrungen der berüchtigte Wall vom Aufbau Tirols aber nie von seiner Nazimitgliedschaft geredet hat, wie dem Innsbrucker Bürgermeister Niescher die Bemerkung auskommt, dass er aussehe wie ein Jude aus dem Buche.#Der Roman fügt Schritt für Schritt das Selbstvertrauen des Lesers zusammen, indem er das Erzählte in eine erträgliche Form der Wahrheit überführt. Für die Lektüre anderer Romane aber bleib die Ermunterung zum Argwohn. Was auf einem Grabstein steht, muss noch lange nicht wahr sein. Und in Innsbruck schon gar nicht.#Helmuth Schönauer
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