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Die Welt ohne Hunger

Bezeichnung Wert
Titel
Die Welt ohne Hunger
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Alfred Bratt. Hrsg., mit einem Nachwort sowie mit Illustrationen versehen von Jorghi Poll
Medienart
Sprache
Person
Auflage
1. Auflage
Verlag
Ort
Wien
Jahr
Umfang
343 S.
ISBN13
978-3-903005-38-9
Annotation
Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Alfred Pfoser; #Zur Wiederentdeckung eines Kolportageromans#Alfred Bratts erzählerische Vision »Die Welt ohne Hunger«#Der Buchtitel war gut gewählt. Als der Roman im Herbst 1916 erschien, war Die Welt ohne Hunger ein großes Versprechen, kämpfte doch ein erheblicher Teil der Bevölkerung ums tägliche Überleben, mussten sich doch in den Großstädten Tausende in der Nacht anstellen, um für den nächsten Tag Brot, Milch, Gemüse und vielleicht auch ein kleines Stück Fleisch zu bekommen. Die Welt ohne Hunger wurde zum Erfolgstitel, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und lenkte die Aufmerksamkeit auf einen jungen Autor, der aus Wien stammte und sich ab 1910 und auch während des Ersten Weltkriegs in Berlin in verschiedenen Berufen versuchte: Schauspieler, Dramaturg, Verlagslektor und eben auch Romanschriftsteller. Alfred Bratt wurde 1891 in Wien-Leopoldstadt geboren und starb nach einem atemlosen Leben, wie so viele in diesen Monaten des Kriegsendes, am 14. Juli 1918 an Tuberkulose.#Die Welt ohne Hunger, jetzt in der Edition Atelier wieder aufgelegt, fällt zunächst durch seinen Kolportagecharakter auf, der mit der Masse als Akteur ein wenig an die expressionistischen Filme der Nachkriegszeit, etwa Fritz Langs Metropolis, erinnert. Im aktionreichen Ablauf der Romanhandlung folgt Aufregung auf Aufregung, mit dem Schauplatzwechsel von Paris über London nach New York bringt der Autor auch internationalen Flair hinein, wobei er temporeich von Armenvierteln, grindigen Hinterzimmern zu protzigen Palästen und Regierungsvierteln changiert. Die handelnden Personen sind ausschließlich grelle Charaktere: Ein Bösewicht, der die Massen lenkt, ein Großkapitalist, der kalt und rachsüchtig seine Verwertungsinteressen verteidigt, eine superschöne, reiche Blondine, die bei einem Eisenbahnunfall gerettet wird, und ein edelmütiger, genialer Erfinder, der, überzeugt von seiner Mission, allen feindlichen Kräften trotzt und sich auch nicht durch Ignoranz und Erpressung, durch einen verheerenden Eisenbahnunfall oder einen entsetzlichen Flugzeugabsturz im Ärmelkanal aus der Bahn bringen lässt. Erst am Schluss inszeniert das Großkapital einen Coup, der den engagierten Chemiker in den Selbstmord flüchten lässt.#Die tollkühne Handlung wird durch viele direkte Dialoge aufgemischt, um alles noch plastisch auszuleuchten. Wenn Meinungen lautstark und roh aufeinander prallen, werden die Stimmen heiserer, springen die Handelnden genervt auf, treten gar ihre Augen hervor, knarren Dielenbretter. Aus Versatzstücken baut der Autor eine bunte Hinterzimmerromantik auf: rauchende Petroleumlampen, hartgestampfte Erde, aufgescheuchte Fledermäuse, finstere Ecken ... Auch die Technik verfängt sich in kühnem Tempo und spektakulärer Ausleuchtung. Im Flugzeug, das den Sturm durchfurcht, kocht der Kessel, der Zug knattert über die Hängebrücke und wiehert aus den angerissenen Bremsen.#Alfred Bratt lässt keine Klischees aus. Besonders krass tut er dies beim russischstämmigen Schebekoff, dessen Hässlichkeit und Hinterhältigkeit er immer wieder dithyrambisch beschreibt. Dieser anarchistische Dämon, gespickt mit dem Wissen von Karl Marx und Friedrich Nietzsche, ist auf der Lauer nach dem großen Staatsstreich, lotet die Chancen nach einer Revolution aus. Alfred Bell, der Erfinder eines kleinen braunen Würfels (die Anregung durch den »Maggi«-Würfel ist evident), der die fahlen Gesichter wieder rosig, die Hungernden wieder satt macht, erscheint für Schebekoff das richtige Instrument dazu, zur Macht zu kommen. Er wirkt bei Massenveranstaltungen als begeisternder Agitator, kann nach Belieben die Massenpresse steuern, trägt den Aufstand transnational von London nach New York weiter. In düsteren, schmutzigen Hinterzimmern arbeitet der Berufsrevolutionär und Diktator in spe mit Drohung und Erpressung.#Mit Alfred Bells Ernährungsrevolution ist endlich ein Mittel da, dem Proletariat den Hunger zu nehmen, die Arbeiter gegenüber dem Arbeitszwang immun zu machen. »Wer nicht arbeitet, soll nicht essen« diese Leitmelodie hat mit dem Ersatznahrungsmittel ihre Gültigkeit verloren. Die Frage ist nur, wer die Produktion bewerkstelligt. In Europa scheitert Alfred Bell, der sich nicht in die Abhängigkeit von Schebekoff begeben will. Aber in den USA schaltet sich der Präsident ein und verordnet die Massenproduktion. Hunger gibt es dort nicht mehr. Damit wird das Proletariat in seinen Forderungen nach Lohnsteigerungen immer stärker. Das Großkapital schlägt zurück. Es gelingt ihm, sich die Gefolgschaft der Frauen zu sichern, die sich mit ihrer Forderung, dass es auch andere Bedürfnisse als das Sattsein gibt, als Spaltpilz erweisen. Alfred Bell, der wissenschaftliche Messias, wird zwischen Revolution und Kapitalismus aufgerieben.#Der ganze Roman mit seinen überraschenden Wendungen und seiner schrillen Personencharakterisierung ist eine kühne, drollige Spekulation. Er fand bei seinem Erscheinen bei einem Massenpublikum Gefallen, einige Kritiker lobten ihn, fanden ihn außerordentlich mitreißend, aber auf breite Zustimmung in der Literaturwelt ist er nicht gestoßen. Freilich wurde er auch übersetzt. Heute ist die Sprache des Romans nur mehr Schnee von gestern: Das gewollt Pathetische und die expressionistische Exaltation muten komisch an. Mit Fortdauer der Handlung allerdings produziert die atemlos arbeitende, ungestüm arbeitende Phantasie des Autors bei den Leserinnen und Lesern auch heute noch einen gewissen Sog.#Bratts Welt ohne Hunger kann für sich in Anspruch nehmen, dass er im Subtext ein großes, noch immer aktuelles Problem aufgriff. Der Herausgeber lässt es sich nicht entgehen, im Nachwort auf die aktuelle Debatte um das Grundeinkommen oder die ungelöste Frage der Ernährung in der Dritten Welt hinzuweisen. Auch heute gibt zu denken, ob nicht der Kapitalismus ins Schwanken gerät, wenn die materiellen Verlockungen geringer werden.