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      <marc:subfield code="a">Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Petra Nagenkögel; #Vielstimmig, bedrohlich, hochaktuell#Elena Messners Roman »In die Transitzone«#Vor etwa zwei Jahren, im Spätsommer 2015, wurde ausgerufen, was seither unbefragt in den medialen, politischen und gesellschaftlichen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat: die »Flüchtlingskrise«. Das Wort ist von einiger Paradoxie. Dem Wortsinn nach  trotz aller Verschleierungen, die durch das deutschsprachige Phänomen der Kompositabildung möglich werden  bedeutet es, dass eine anonyme Entität von »Flüchtlingen« eine Krise habe (kenntlicher z.?B. im Französischen: in Frankreich spricht man von der »crise des réfugiés«, der »Krise der Flüchtlinge«), während die Bedeutung der realen Verwendung dieser hübschen Vokabel die gegenteilige ist: Jene anonyme Entität von »Flüchtlingen«, die nichts mehr als ihre Leben retten wollen, bringt die Gesamtheit der europäischen Länder in nichts weniger als eine veritable »Krise«, die so umfassend ist, dass in ihrem Namen sowohl bisher unantastbare Errungenschaften wie die Menschenrechte zur Diskussion gestellt werden können, als auch  diesmal im Namen angeblicher politischer Verantwortung  nationalstaatliche Grenzziehungen erfolgen, die jeglichen europäischen Einigungsgedanken zuwiderlaufen. Diese handfesten neu geschaffenen Realitäten werden ebenfalls mit sprachlichen Ungenauigkeiten unterfüttert  die allgegenwärtige Rede von den »Flüchtlingswellen« und »-strömen«  eine brauchbare Metapher auch zur Vermeidung von Empathie, werden doch in der Logik dieser Sprachregelung tausende Biografien gleich  ist in ihrer Unstimmigkeit geeignet, Bilder von gewaltiger Bedrohung entstehen zu lassen, die nach zumindest ebenso gewaltigen politischen Antworten verlangen und diese auch legitimieren.#In welcher Form die Krisenbeschwörungen und ihre sprachlichen Aus- und Verformungen unser Denken, Sprechen, Fühlen und schließlich Handeln affizieren, welche Verschiebungen der sozialen und politischen Tektonik die ausgerufene »Flüchtlingskrise« auf nationalen und europäischen Ebenen nach sich zieht und noch ziehen wird, wie sich das Selbstverständnis der Europäischen Union und ihre grundgelegten vielzitierten, aber kaum definierten »Werte« dadurch verändern werden, ist im Moment nicht absehbar. Wir sind ja mittendrin und werden da wohl auch noch ein wenig bleiben.#Im Unterschied zu historisch-soziologischen Analysen epochaler Ereignisse, die (zeitliche und emotionale) Distanz zum betrachteten Geschehen brauchen, kann die Literatur mit den ihr eigenen Mitteln sich in deren Zentrum begeben  um genau das zu erfassen, was abseits des Faktischen, des Berechenbaren, des Analysierbaren liegt. Ihr Feld sind die Unschärfen, sind die Unterströmungen, sind das Ungefasste und das Unfassbare, weil nicht exakt zu Vermessende.#Elena Messner stellt sich in ihrem zweiten, bisher von der Kritik nur wenig wahrgenommenen Roman eine(r) der wohl schwierigsten, weil verantwortungsvollsten schriftstellerischen Aufgaben. Sie begibt sich »In die Transitzone« und damit in einen der Brennpunkte unserer gesellschaftlichen und politischen Gegenwart. Schauplatz des auf drei Tage verdichteten Romangeschehens ist die fiktive Hafenstadt Makrique, im Süden Europas gelegen und nicht näher lokalisiert. Im Auftrag einer ebenso wenig näher benannten internationalen Organisation wird Daniel »aus dem Norden« nach Makrique geschickt, um sich ein wenig umzusehen. »Im just visiting«, antwortet der in der Stadt schnell als »der Tourist« bekannt und zum mit beinahe lasziver Aufmerksamkeit bedachten Exotikum gewordene Daniel auf die Fragen der Bewohner. Sein Auftrag ist, entsprechend den unklaren Vorstellungen, die man sich im Norden von den Verhältnissen im Süden macht, ominös. »Beim Briefing« mit einer Mappe zu »Neue(n) Perspektiven für einen integrierten europäischen Grenzschutz« ausgestattet, werden ihm Tasche samt Mappe gleich zu Beginn seines Aufenthalts gestohlen, und auch der »Kontakt«, den er in Makrique treffen soll, scheint die Stadt längst verlassen zu haben. Daniel quartiert sich in einem der vielen leerstehenden Hotels ein und versucht sich einen Überblick zu verschaffen, eine detektivisch zu nennende Arbeit, die ihm in der Unübersichtlichkeit der Lage auch kaum gelingen will.#Vorerst findet er eine Stadt im Ausnahmezustand vor. Es sind beinah surreale, bizarre und gespenstische Bilder und Szenerien, die sich ihm (und uns als LeserInnen) auftun: Vom »kurzeitigen Ankunftsort«, an dem Essen, Kleidung und Transitvisa ausgegeben worden waren, ist Makrique nach der Räumung der Flüchtlingslager zum mit Drahtzäunen gesicherten Hochsicherheitsghetto geworden, Teile der Stadt sind verwüstet, Geschäfte geplündert, im gesperrten Hafen wurde der Strom abgestellt, im ehemaligen Yachtclub die Küstenwache untergebracht. Die Polizei ist so omnipräsent wie hilflos, die Stadtregierung abgetreten und durch eine provisorische neue ersetzt, die sich an einer Renormalisierung des städtischen Lebens versucht, was bedeutet, die Stadt freizuhalten von Bootsflüchtlingen.#Viele Bewohner haben Makrique verlassen, wer geblieben ist, muss sich entscheiden: Während ein Teil der Bevölkerung die Stadt mit Parolen, mit für Wahrheit verkauften Rassismen und mit Tatkraft gegen weitere Flüchtlinge abzusichern versucht, hat sich auf der anderen Seite eine Gruppe formiert, die Widerstandsstrategien gegen die städtische Politik zu entwickeln und den politischen Ordnungsversuchen zivilgesellschaftliche und humane Perspektiven entgegenzusetzen versucht. Entsprechend aufgeladen ist die Atmosphäre. Eine Vielzahl von Figuren und Positionen treffen aufeinander: Da ist etwa Bakary, der die Leichen ertrunkener Flüchtlinge aus dem Wasser holt, um sie in einem groß angelegten Festakt würdig zu begraben; da sind Malika, Vertreterin einer Rechtsberatung, und Annie, Dolmetscherin aus dem Arabischen; da sind die charismatische Marguerite Tassioni, die sich für die Rechte migrantischer Hafenarbeiter einsetzt, und Hakim, ein antifaschistischer Aktivist. Und da sind auf der anderen Seite der schwarze Polizist Pakka, der, selbst immer wieder rassistischen Anfechtungen ausgesetzt, willkürliche Verhaftungen von Flüchtlingen unternimmt, »um die Quote zu erfüllen«, Charbonnier, der ehemalige Migrationsbeauftragte, jetzt zum Vizebürgermeister einer provisorischen Stadtregierung aufgestiegen und in seiner Haltung schwankend zwischen humanen Lösungen und hartem Durchgriff, und Lolly-Garche, unschwer als Verballhornung von Oligarch zu erkennen, der aus jedem Elend seinen Profit zu schlagen weiß.#Dem Neben- bzw. Gegeneinander ihrer Positionen entspricht die den Roman prägende Verflechtung literarischer Mittel, wobei Elena Messner sich nicht scheut, eine kalkulierte Ästhetik der Unübersichtlichkeit zu opfern, die das Thema bestimmt, ebenso wenig wie sie sich scheut, auf Elemente des »Trivialen« und der »Genreliteratur« zu setzen, um die Verfasstheit der städtischen (Un)Ordnung zu vermitteln. Ein Jargon zwischen Pathos und Brutalität prägt einen großen Teil der Dialoge des Romans, der die unterschiedlichen diskursiven wie emotionalen Positionen seiner Akteure offenlegt, und das nicht, ohne zugleich ihr Funktionieren und ihre Funktion deutlich werden zu lassen. Stilistisch changierend zwischen Reportage und einem »Mix aus Reiseroman, Abenteuerroman, Krimi, politischem Thriller« und dem Spiel »mit apokalyptischen Momenten« (so Elena Messner bei einer Lesung in Salzburg am 6. 6. 2017), ermöglicht eben diese Verschränkung verschiedener Stilebenen, das (im Doppelsinn) Unfassbare in dieser seiner Unfassbarkeit dennoch (atmosphärisch) zu erfassen und die sozialen Spannungen in Makrique durch ein gekonntes Spiel mit dramaturgischen Spannungsbögen deutlich werden zu lassen. Nicht zuletzt die for­male Aufhebung der Grenzen von Genres und Stilebenen ist imstande, die inhaltlich beschriebene Restituierung politischer und sozialer Grenzziehungen zu decouvrieren und parodistisch zu durchkreuzen.#Das ist nur eine der Leistungen dieses Romans. Eine andere besteht in den Dynamiken, die er nachzeichnet: in seinem rasanten Tempo, seiner bewussten kompositorischen Inkohärenz und seiner vielstimmigen Orchestrierung, in schnellen Bildwechseln und Schnitten, im ebenso schnellen Wechsel zwischen berichtender Distanz und sinnlichen, mit fotografischem Blick eingefangenen Details werden nicht nur das chaotische Stadtbild Makriques und die völlige Aufgeriebenheit jeglicher Ordnung formal und stilistisch umgesetzt, sondern zudem auch die gegenläufigen Prozesse nachgezeichnet, denen die Stadt und ihre Bevölkerung sich ausgesetzt sieht  im Aufeinandertreffen von Bündnissen und Gegenbündnissen, von Hilflosigkeit und Widerstand, Trauer und Wut und immer wieder neu einzunehmenden Haltungen zwischen Empathie und zunehmender Demoralisierung und in der kaum durchschaubaren Abfolge täglich neu ausgerufener politischer Handlungsmaximen, die sich zwischen ratloser Kurzsichtigkeit, willkürlichem Wohlwollen, struktureller Konzeptlosigkeit und brutaler Instrumentalisierung bewegen.#Dass den Flüchtlingen, die am Ende des Buchs trotz aller Grenzsicherungen in Makrique an Land kommen, keine Stimme im sonst so vielstimmigen Ganzen zugeschrieben wird, ist nur konsequent in einem Roman, der nichts weniger als die europäische Asyl- und Flüchtlingspolitik im Blick hat. Denn nicht erst der vollständig offen gehaltene Schluss des Romans, an dem Hoffnung wie Scheitern gleichermaßen möglich scheinen, lässt uns deutlich werden, dass das fiktive Makrique als Mikrokosmos, als Modell und Allegorie für das gegenwärtige Europa gelesen werden kann, will und muss. Chapeau!</marc:subfield>
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