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      <marc:subfield code="a">Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Martin Wedl; #Sieben neue Bücher#Der produktive Allrounder Manfred Chobot#Manfred Chobot, den man spätestens seit Erscheinen seines ersten Romans "Reise nach Unterkralowitz" 2009 als "Allrounder" bezeichnen kann, veröffentlicht seit einiger Zeit mit erstaunlicher Regelmäßigkeit mindestens drei Bücher im Jahr. Da darf es nicht verwundern, dass die sieben Titel des folgenden Rückblicks, der gerade einmal etwas mehr als zwei Jahre abdeckt, nur eine Auswahl darstellen.#"Meine Verwandten liegen mir auf der Zunge wie Speichel" - Der Familienchronik zweiter Teil#Viele Jahre musste sich Manfred Chobot von KollegInnen vorhalten lassen, dass er noch keinen Roman zustande gebracht hätte und ihm also zum "kompletten" Schriftsteller etwas fehle. Dabei wäre wohl alles ganz anders gekommen, hätte die spätere Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nicht "Die Ausgesperrten" veröffentlicht. Denn ihr Roman über die ­"Tristen Fifties" (Elfriede Gerstl) in Österreich kulminiert in einem Familienmord, der sich - allerdings erst 1965 - tatsächlich in Wien zugetragen hatte. Der 17-jährige Rainer Maria Warcha­lovsky hatte, seit Jahren unter dem Sadismus des Vaters leidend, beide Eltern sowie den älteren Bruder ermordet und anschließend die Leichen verstümmelt. Als Jelineks Roman 1980 in den Buchhandel kam, überraschte sie damit Chobot, der seit mindestens einem Jahr für einen Roman über dieses Verbrechen eines entfernten Verwandten recherchierte. Verständlicherweise sah er sich gezwungen, das Projekt (vorerst) ruhen zu lassen.#Nun findet sich in seinem zweiten Roman "Versuch den Blitz einzufangen" (2011) die Geschichte des Familienmörders als einer von mehreren parallel geführten Handlungssträngen wieder. Wirft man einen Blick in den literarischen Vorlass des Autors, der seit 2009 im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird (Vorlass Manfred Chobot, ÖLA 362/09, ohne Sign.), stellt man anhand verschiedener, teils datierter Textstufen und Skizzen fest, dass Chobot seit Ende 1987 an einem Roman arbeitete, der im Lauf des Jahres 1988 bereits über weite Strecken (inkl. der Warchalovsky-Geschichte) dem "Versuch" gleicht. In den mittleren 1990er-Jahren begegnet man in Notizen nochmals Arbeitsspuren. Insgesamt sollten also zwischen den ersten Recherchen und der Veröffentlichung mehr als 30 Jahre vergehen.#Der Roman konzentriert sich - im Gegensatz zur "Reise nach Unterkralowitz", die sich Großvater und Vater widmete - auf die Mutter der Erzählers/Autors, ihre Eltern und Geschwister. Zudem imaginiert sich der Er­zähler, inzwischen selbst Vater und durch die Nachricht von einer erneuten Schwangerschaft seiner Lebensgefährtin einigermaßen irritiert, eine Tochter namens Mariamaria. Die im Text gut platzierten Erlebnisse von Vater und "Tochter" bilden eine eigene, berührende Erzählung, die in ihrer Emotionalität in Kontrast zu dem in der "Reise" geschilderten, sehr gespannten Verhältnis zum wenige Jahre davor zur Welt gekommenen Sohn steht, den der Erzähler lange Zeit als einen Fremdkörper empfand. Die zärtlichen Töne der Mariamaria-Erzählung bilden zudem einen wichtigen Ausgleich zu den schrecklichen Erlebnissen, von denen die anderen (Frauen)Figuren des "Versuchs" berichten. Nicht nur die Mutter des Erzählers leidet unter einer traumatischen Kindheit: Warchalovsky ermordet seine Famile, eine Cousine arbeitet als Pros­tituierte etc. Chobot lässt seine ProtagonistInnen wie im ersten Roman öfter selbst erzählen und dabei zu einem vielstimmigen Abgesang auf ein Jahrhundert anheben, in dem sich Frauen erst spät dem Verfügungsrecht "ihrer" Männer entziehen und zu einer eigenen Stimme finden konnten.#"Du bist einfach nur ein Arschloch!" - Eine Beziehung in 160 Zeichen auf den Punkt gebracht#"Dass du keinen BH getragen hast und man deinen Busen durch die transparente Bluse sehen konnte, die Brustwarzen deutlich erkennbar, hat mich irritiert." Wer im Dezember 2010 eine SMS diesen Inhalts bekommen hatte, war nicht Opfer einer Mehrwert-Spam-Nachricht geworden, sondern durfte einem frisch verliebten Paar dabei über die Schulter blicken, wie es sich in Kurznachrichten über gemeinsam verbrachte Nächte, offene Beziehungen, Ehefrauen, Urlaube etc. austauscht. Fünf SMS pro Tag bekam man 20 Tage lang beim Abschluss eines Abonnements von sms.at zugeschickt und konnte sich anschließend Chobots SMS-Roman "Der Bart ist ab" als PDF-File downloaden (beides ist immer noch möglich).#Chobot, bekannt für seine Vorliebe für kleine literarische Formen, war fasziniert von einem Medium, das Kommunikation derart streng ökonomisiert, und so räumte er folgerichtig seinen beiden ProtagonistInnen, einem verheirateten Mann und einer etwas jüngeren Frau, jeweils maximal 160 Zeichen für ihre Gefühls- und Unmutsäußerungen ein. In einer dialogisch aufgebauten "Erzählung", die solch rigiden Beschränkungen unterworfen ist, muss auf Beschreibungen oder Psychologisierungen (fast) zur Gänze verzichtet werden, weshalb die Last der Sinngebung einzig bei den Figuren selbst bzw. ihren Kurzmitteilungen liegt.#Das wirklich Interessante an diesen "Dialogen" ist übrigens weniger ihre Verknappung, vielmehr sind es die Leerstellen, die zwischen den ein­zelnen Nachrichten entstehen. Weil diese parallel dazu ausgefüllt werden müssen, wird die Lektüre der sich zunehmend monologischer gestaltenden, verletzender werdenden Nachrichten zu einer Herausforderung. Die grafische Gestaltung des Romans macht diese Lücken zudem auch optisch sichtbar, denn die untereinander gestellten SMS teilen sich jeweils die Seite, der Mann bekommt die linke Hälfte, die Frau die rechte, woran strikt festgehalten wird. Dadurch entsteht der Eindruck von aufgeschichteten Blöcken, die einander nur an den Kanten berühren, ein ebenso starres und fragiles Gebilde wie die beschriebene Beziehung. Als zum wiederholten Mal eine völlig "falsche" Antwort kommt, stellt der Mann - übrigens gleich zu Beginn - präzise fest: "Ich vermute, wir verbergen voneinander und voreinander in einem Schwall#das Wesentliche vor dem Unwesentlichen."#Leben in der Großstadt - Von Ottakring in die weite Wiener Welt#Seit jeher besitzt der viel gereiste "echte" Wiener Chobot mit dem dazugehörigen typisch tschechischen Namen eine große, zugleich (selbst)kritische Affinität zu seiner Geburtsstadt. Er spielt nicht nur mit den lautlichen und emotionalen Nuancen des Wienerischen in Mundartgedichten, sondern setzt sich bisweilen auch in seiner Prosa und in Sachbüchern mit Wien, seinen Menschen und Orten auseinander.#Da ist beispielsweise die erneute Zusammenarbeit mit der Fotografin Petra Rainer für den reich bebilderten Band "Der Wiener Brunnenmarkt" (2012), der sich von der ersten Ausgabe von 2003 aufgrund zahlreicher Geschäftsauflösungen und Neuübernahmen deutlich unterscheidet. Wieder haben die MarktstandlerInnen das Wort und berichten aus unterschiedlichen Perspektiven über ihre Sozialisation und Geschichte. Durch die von Chobot behutsam redigierte Mehrstimmigkeit und Rainers kontrastreiche Schwarz-Weiß-Fotografien entsteht ein vielschichtiges Bild eines der größten Wiener Märkte und jener Menschen, die ihn durch mühevolle, aufreibende Arbeit in Zeiten der Vormachtstellung von Supermarktketten am Leben erhalten.#Heiterer geht es in "Der Hund ist tot" (2012) zu, einer Gemeinschaftsarbeit mit Beppo Beyerl und Gerald Jatzek. "Grätzelgeschichten aus 24 Wie­­ner Bezirken" - so der Untertitel - versammeln Kurioses, frei Erfundenes und Recherchiertes aus jedem "Hieb" (Bezirk) Wiens, wobei dem "Draußen" als 24. Bezirk ebenfalls zwei Texte gewidmet werden. In den Geschichten tummeln sich "Süffel", Karten- und "Hanseltippler" beim "Brandineser", im Treppenhaus skifahrende Geburtstagskinder und Menschen, die zur Erleichterung der Arbeit der Städtischen Bestattung vor dem Tor des "Zentral"(friedhofs) verscheiden. Sehr gelungen ist auch die Bebilderung der Geschichten durch das Künstler-Duo marshall!yeti (Ferdinand Karl &amp; Gerald Plattner), das sich, in jedem Bezirk in der Nähe des jeweiligen geografischen Mittelpunkts aufgestellt, per Selbstauslöser fotografiert hat.#Vermutlich um eine Auswahl seiner zahlreichen in den 1980er-Jahren für den Österreichischen Rundfunk entstandenen Features handelt es sich bei "Lebenslänglich Wichtelgasse - Wiener Erkundungen" (2012), wenngleich ein entsprechender Hinweis darauf fehlt. Doch der Ton, in dem Betroffene in den unterschiedlichsten Lebenslagen einzelne Aspekte urbanen (Wiener) Lebens ausbreiten, lässt aufgrund der verschiedenen sprachlichen Prägungen der "ErzählerInnen" aufgenommene Gesprächssituationen vermuten. Das Spektrum der behandelten Themen ist ebenso vielfältig und informativ wie unterhaltsam und breitet nebenbei hundert Jahre Wiener Stadtgeschichte aus. Hier berichten Menschen vom alltäglichen Kleinkrieg mit NachbarInnen oder dem "Hausherren", von den Besonderheiten im Zusammenleben älterer Frauen mit jüngeren Männern oder von den Segnungen und Versuchungen des Schlussverkaufs. Neben diesen offensichtlich dialogisch aufgebauten Features enthält der Band stärker erzählende Texte, die Wiener "Wahrzeichen" wie dem Gänsehäufel, der Donau oder den Hochquellenleitungen gewidmet sind. Hier zeigt sich, wie schon beispielsweise in den "Reisegeschichten" (2003), der akribische Faktensammler, der das gewissenhaft recherchierte Material mit den Schilderungen seiner GesprächspartnerInnen zu einer halbdokumentarischen polyphonen Erzählung montiert. Besonders gelungen ist dies in "Totem &amp; Tabu - Die Flaktürme in Wien", einer virtuellen Führung durch die Flaktürme im Arenbergpark im dritten Wiener Gemeindebezirk, die neben zeitgeschichtlichen und städtebaulichen Aspekten auch einiges über die Mentalitätsgeschichte der Menschen einer Stadt zu erzählen weiß, die im Schatten dieser Relikte aus der Zeit des Nationalsozialismus leben.#"Hardcore oder Software" oder Manfred im Wunderland#"Häufig sind Träume nahtlos in ein Werk eingearbeitet. Mir persönlich entgegnete vor vielen Jahren der Herausgeber einer Kulturzeitschrift, als ich ihm Traumtexte zum Abdruck anbot: Wen interessieren schon deine Träume? Niemanden. - Ist es für dich von Belang, ob ich meine Einfälle geträumt habe oder ob sie meiner Vorstellungskraft im Wachen zugeordnet werden können? Nach diesem Erlebnis habe ich beharrlich verschwiegen, wenn die Anregung zu einer Prosa einem Traum als Initialzündung zu verdanken war." (Nachwort zu "Die Wunderwelt, durch die ich schwebte".) Erst 2011 beendete der Autor sein Schweigen, um gleich zwei Bücher zum Thema zu veröffentlichen.#Ein wahres Best of aus der Werkstatt des Chobotschen Unterbewusstseins ist "Der Tag beginnt in der Nacht", untertitelt als "Erzählung in Träumen", eine in drei Abschnitte gegliederte endlose Verkettung von Traumbruchstücken, die manchmal länger bei einem Thema bleiben, oft aber unberechenbar ausscheren, abbrechen, fallengelassen werden, wie man das in einem Traum erwarten darf. Ein Blick in seine Notizbücher zeigt, dass etliche der skurrilen, fantastischen, "unmöglichen" Ereignisse des "Tags" auf Traumnotizen basieren, die bereits in den frühen 1980er-Jahren entstanden sind. Hier finden sich auch jene Motive, die man vorsichtig als roten Faden in der Erzählung bezeichnen könnte: Reisen bzw. rastloses In-Bewegung-Sein, amüsante bis irritierende Begegnungen, Nahrungsaufnahme, Kontrollverlust, Autoritäten etc. Zudem kann man im "Tag" sogenannte "Text-Clips" aus der 2007 erschienenen "Ernte der Stachelbeeren" entdecken, die, meist nur geringfügig bearbeitet, in den surrealen Text eingearbeitet sind. Die wilden Bocksprünge in der Handlung finden übrigens ihre Entsprechung auch auf sprachlicher Ebene, wo die Lust an der Assoziation sowie am (absichtlichen) Miss-Verständnis ungezügelt freien Lauf bekommt, was die traumgleiche Zersplitterung der Erzählung weiter vorantreibt.#Zusammen mit Dieter Bandhauer hat Chobot eine Anthologie "literarischer Träume" unter dem Titel "Die Wunderwelt, durch die ich schwebte" ­herausgegeben, ein ambitioniertes und gelungenes Projekt, das rund 120 Traumtexte von mehr als 80 SchriftstellerInnen, Philosophen, Regisseuren etc. enthält. Eine große Leistung, die angesichts der Tatsache, dass man die sehr unterschiedlichen Texte einem kompositorischen Prinzip unterworfen hat, Beachtung verdient: Jedem Text sind zwei Stichworte vorangestellt, die darin enthaltene thematische Schwerpunkte beschreiben, etwa "Revolu-#tion / Schreibtisch". Der darauf folgende Text enthält immer das zweite Stichwort des vorangegangenen sowie ein neues, sodass sich, zieht man nur die Überschriften heran, eine Reihe ergibt wie: "Revolution / Schreibtisch", "Schreibtisch / Müll", "Müll / Blut", "Blut / Seele" etc. Somit setzt sich in der Zusammenstellung der Texte deren inneres Prinzip der Assoziation fort, ohne deshalb beliebig zu sein. Wenn dies manchmal scheinbar auch nur mit Mühe umsetzbar war, zeigt sich dadurch doch immer wieder eine motivische Nähe ganz unterschiedlicher Texte (= Träume) zueinander, die man nicht vermutet hätte.## ---- #Quelle: Pool Feuilleton; #Eine echte Familiengeschichte hat weder Anfang noch Ende, sie wechselt zwischendurch das Personal und tritt manchmal akut zu Tage und schlummert dann wieder über Jahrzehnte im Fotoalbum des Vergessens dahin.#Manfred Chobot lässt im Roman "Versuch den Blitz einzufangen" eine lose verknüpfte Familie quer durch das Jahrhundert auftreten. Manche Figuren kennen wir schon aus dem Roman "Reise nach Unterkralowitz", wie etwa den unvergesslich quiekenden Endspross der Familie Ugl-Ü. Andere Figuren sind neu hinzu geheiratet, andere kommen erst durch neue Geschichten zum Vorschein. Das hat damit zu tun, dass im zweiten Roman jetzt andere Figuren die Story erzählen dürfen und naturgemäß wieder eine andere Beleuchtung für das eigene Epos wählen.#Gerade die Frauen, die eigentlich die wahren Heldentaten vollbringen müssen, während die Männer in Geschäften, Kriegen oder im Suff ihr Leben heroisch zu Ende gebracht haben, erzählen oft sehr pragmatisch von der Welt und von den Männern.#"Jeder Mann war wie der andere. Die Männer gleichen einander mehr als ihnen recht ist. Das musst du aber für dich behalten, denn jeder hält sich für etwas Besonderes." (27)#Nicht nur bei Eheanbahnungen ist diese Geisteshaltung von Nutzen, auch in der Szenerie der Prostitution gibt es Faustregeln, wie die Männer zahm werden.#"Ich habe erzählt, was die Männer hören wollten." (85)#Für die Männer gibt es freilich andere Probleme, um über die Runden zu kommen. "Ich fahre zum Saufen nach Linz, weil ich ein schlechtes Gewissen habe und um meinen Rückfall zu verbergen." (37) Ständig unruhig am Kontinent unterwegs, stellt sich trotz wechselnder Affären selten so etwas wie Ruhe und Glück ein.#Manchmal freilich hält das jeweilige Familienleben inne, wenn etwa die Kinder das Heft in die Hand nehmen und hemmungslos spielen. Ügl-Ü und Mariamaria kommen dabei auf die verrücktesten Ideen, nicht nur dass sie überlegen, wie man den Blitz einfangen könnte, sie planen auch einen Überfall auf das Christkind, um endlich einmal zu richtigen Geschenken zu kommen und nicht immer nur zu dem Plunder, der üblicherweise für die vorgesehen ist. (106)#Und die einzelnen Familien-Rollen werden manchmal jäh unterbrochen, wenn sich der Vater besonders innig um das Kind kümmert. Beim "Glocke spielen" rast das Kind zu Boden und zerkracht sich die Wirbel (112), jetzt ist der Vater hilflos, die Idylle ist beendet.#Manfred Chobot treibt seine Familienfiguren mit Schalk durch die Jahrzehnte, die guten schaffen auch in schweren Zeiten einen witzigen Zugang zur genetischen Dynastie, die schlechten zerbrechen schon beim Aufsagen des eigenen Namens. Und immer wieder hat jemand eine fixe Idee, die ihn am Leben hält. So glaubt einer, mit Freddy Quinn verwandt zu sein und schon deshalb eine Mission zu haben auf dieser Welt!#Helmuth Schönauer</marc:subfield>
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