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Die Tiere von Paris

Bezeichnung Wert
Titel
Die Tiere von Paris
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Margit Schreiner
Medienart
Sprache
Person
Verlag
Ort
Frankfurt a. M.
Jahr
Umfang
185 S.
ISBN13
978-3-89561-279-4
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Jutta Kleedorfer; #Roman in Form eines Selbstgesprächs über das Scheitern postmoderner Lebensentwürfe von Frauen wie Männern. (DR)##"Die Tiere von Paris" - dies ist der Titel einer wissenschaftlichen Arbeit, die die Erzählerin in Paris zu Beginn des Romans schreibt - und der beginnt so: "Wenn du den Typ einmal erst los bist, wird alles besser, denkst du zuerst. Du kannst deine Zeit besser einteilen, du kannst kochen, wann und was du willst, und niemand redet dir in die Erziehung des Kindes rein." Doch die Vorstellung der Protagonistin, als Alleinerzieherin den Alltag mit der heranwachsenden Tochter selbstbestimmt zu gestalten und beruflich als Sachbuchautorin zu reüssieren, erweist sich als trügerisch. Die unvermeidlichen Schwierigkeiten einer Scheidungsfamilie treten rasch zutage, die angestrebte Balance, Beruf und Kind zu vereinbaren, gelingt nur ansatzweise.#Hautnah erlebt man/frau die dramatischen Entwicklungen eines postmodernen Dreiecksverhältnisses mit wechselnden Partnern und wechselnden Wohnsitzen in Paris, Tokio, Palestrina oder Wien mit. Mittels fortlaufender Selbstgespräche, die an ein Du-Ich gerichtet sind, werden voyeuristische wie realistische Einblicke in eine normale Patchworkfamilie geboten. Dabei wird deutlich sichtbar, dass noch so ausgeklügelte Lebensentwürfe letztlich an der ständig erforderlichen Flexibilität scheitern. In einem freundlichen Plauderton erfährt man Alltägliches, Banales und Familiäres, doch gleichzeitig werden schonungslos unterschiedliche Rollenbilder von Männern und Frauen seziert und ihrer Lächerlichkeit preisgegeben.#Eine scheinbar locker erzählte Frauengeschichte, in der raffiniert und radikal subjektiv seelische Tiefenschichten und Abgründe menschlichen Strebens sichtbar werden. Wie rasch solche Bemühungen zum Scheitern verurteilt sind, zeigt sich schließlich am Verhalten der vierzehnjährigen Tochter, die sich aus der mütterlichen wie väterlichen Umklammerung selbstbewusst befreit und schonungslos ihre eigenen Wege geht.## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Susanne Schaber; #Aber die Hunde kennst du#Margit Schreiners subversiver Familienroman "Die Tiere von Paris"#Da sind sie also wieder, Vater, Mutter, Kind. Die Kleinfamilie, um den Küchentisch versammelt. Margit Schreiner stiehlt sich heimlich an den Herd und schaut zu, wie die Eltern ihre Tochter umhalsen und sich dabei zerfleischen. "Die Tiere von Paris" heißt ihr jüngster Roman, eine sarkastische Abrechnung mit Mann und Frau, Kind und Kegel, mit Hirngespinsten und Selbsttäuschungen.#Schon der Titel des Bandes leitet in die Irre. Die Tiere von Paris - die Riesenschildkröte im Jardin des Plantes, die Turmsegler von Notre Dame oder die Maus im Einkaufszentrum von Bercy - tauchen einmal kurz auf und verschwinden wieder. Ein blindes Motiv, möchte man meinen. Doch je weiter man ins Dickicht der Gefühle eindringt, umso häufiger kehrt die Erinnerung an die Bilder von den verloren scheinenden Tieren zurück. Paris wird zum Angelpunkt des Buches: jene Zeit, da alles begonnen hat, da sich das Paar nicht nah genug sein kann. Eine Zeit auch, in der man ein Fundament zu legen trachtet, auf das man fortan baut. Doch als die Ehe geschlossen und die Tochter auf der Welt ist, zeigt sich, dass schon der Boden über dem Kellergeschoß nicht wirklich trägt. Also setzt man neu an, um das Nest doch noch zu einem Häuschen wachsen zu lassen - und scheitert. "Dein Mann und du, ihr habt inzwischen getrennte Schlafzimmer und seid so ziemlich in allem verschiedener Meinung. Das tragt ihr dem Kind zuliebe nur nachts im Wohnzimmer aus, während der Fernseher läuft." Die Liebe sitzt längt nicht mehr unter dem eigenen Dach. Und irgendwann erstickt man dann auch am Zuliebe-Tun. Das Leben wird zu einer Serie von Abmachungen und Vereinbarungen mit immer neuen Versuchsanordnungen.#Margit Schreiner ist eine erbarmungslose, ungnädige Protokollantin der gängigen Spielarten der Zweisamkeit. Das weiß man natürlich aus früheren Büchern, aus "Haus, Frauen, Sex", "Heißt lieben" oder "Die Eskimorolle". Nun setzt sie das Messer neuerlich an, um die Wurzeln familiärer Glückserwartungen und Schiffbrüche freizulegen. Sie geht dabei kalt zu Gange, in einer Sprache, die ohne Aufregung daherkommt und ihren Duktus aus der Reduktion heraus entwickelt. Stoff, Form und Ton sind sich einig: Hier soll nichts aufgebauscht oder groß erklärt werden. Die trockene, unkommentierte Schilderung eines modellhaften Beziehungsgeflechts wird zum poetologischen Programm. Die drei Hauptfiguren tragen keine Namen, sie sind einfach der Mann, die Frau oder das Kind. Die Erzählerin, erst Ehefrau, dann alleinerziehende Mutter, spricht sich mit du an. Und so wird ihr Monolog ganz selbstverständlich zum Gespräch mit sich selbst, ja mehr noch: zur Gewissenserforschung. Die Handlung läuft chronologisch dahin, mit sparsam gesetzten Leitmotiven und Widerhaken, die nachhaltig irritieren.#Ein Buch, in dem es um Wege geht, um Haupt- und Nebenstraßen, Kreuzungen und Abzweigungen, und um die Unmöglichkeit, sich auf seinen inneren Kompass zu verlassen. "Die Fragen, die du stellen wirst, sind in etwa: Gibt es einen allgemeinen Orientierungssinn des Menschen, wie ausgeprägt ist er etwa im Vergleich mit Ratten? Sind männliche und weibliche Orientierungsstrategien verschieden? Erstellt unser Gehirn kognitive Landkarten, die sich von den herkömmlichen topographischen Karten unterscheiden?" Margit Schreiners Heldin, beruflich mit Stadtgeographie und alten Wanderrouten beschäftigt, ist eine Spezialistin in Sachen Verirren. Sie kämpft auch als Mutter um klare Linien. "Du hast immer große Stücke auf das Gespräch und die Vernunft gehalten", macht sie sich deutlich. "Nur dass es auf einmal von einem Tag zum anderen gar nicht mehr um die Vernunft geht. Manchmal geht es einfach um Verbote: Das tust du nicht, du bleibst zu Hause, du wäschst jetzt das Geschirr ab. Aber dieser Typ bist du nicht! [] Du hast ja nicht einmal Grundsätze!" Geschweige denn ein klares Konzept, um sich und ihr Mädchen einigermaßen unversehrt durch die Jahre zu bringen.#Margit Schreiner sieht ihrer Hauptfigur zu, wie sie sich durch den Alltag hantelt und zu immer neuen Experimenten ansetzt. Wie könnte es am besten gehen: als Kleinfamilie zu dritt, allen Unstimmigkeiten zum Trotz? Also doch lieber zu zweit, allein mit dem Kind - "wenn Du den Typ erst los wirst, wird alles besser"? Vorstellbar wäre auch eine Wohngemeinschaft im Verband mit einer Freundin und deren Tochter oder auch eine Existenz zu dritt, mit dem Geliebten, in zwei Wohnungen, unter einem Dach. Ganz gleich, welchem Entwurf sie gerade anhängt: Der nunmehr geschiedene Ehemann und seine Ansprüche sind allzeit mit dabei - und mit ihm Streit, Unsicherheit, Wut. Während sich die Kindsmutter mit Selbstzweifeln plagt und die eigenen Fähigkeiten im Umgang mit einer Pubertierenden in Frage stellt, gibt sich der dazugehörige Vater seinen Launen hin. Ein Ferienpapa mit Machtgelüsten, ein Kontrollfreak, der seine Ex observiert und bevormundet, um sich ansonsten aus der Verantwortung zu stehlen: drückt seiner Tochter am Ende des Urlaubs sechshundert Euro in die Hand, sein Zuschuss fürs Familienbudget des kommenden Jahres. Fünfzig Euro pro Monat, und schon ist er frei.#Das Ringen um das Kind, geführt im Namen der Elternliebe, wird zum Kleinkrieg, auch zum Mittel der Selbstbehauptung. Und die Tochter? Findet anfangs noch bei Erich Kästner die Hochglanzbilder der heilen Welt. Später setzt sie eigene Zeichen.#Das Buch läuft auf die Katastrophe zu. Und auch hier wieder: Schreiner bleibt kühl und bremst sich, wenn sich kleinste Regungen von Sentimentalität einschleichen. So subversiv sind Beziehungen schon lange nicht mehr geschildert worden. Gut und Böse, Täter und Opfer, die Wüstenei zwischen Mann und Frau: Ganz so einfach funktioniert das nicht. Margit Schreiners Befund ist differenziert, lakonisch, scharfsinnig.#"Die Ratten sind die größte Tierpopulation von Paris", heißt es gleich zu Beginn des Romans. "Sie kennst du nicht. Sie leben im Untergrund. Und den willst du nicht kennenlernen. Nicht jetzt. Das wäre ein eigenes Langzeitprojekt. Aber die Hunde kennst du gut. Es sind gleich nach den Menschen die tapfersten Kreaturen der Stadt. Deformiert und verkrüppelt hinken und humpeln sie durch die Steinwüsten" Und ein paar Seiten weiter: "Das Kind hat irgendwann den aufrechten Gang erlernt." Humpeln, Kriechen, Gehen. Auf nach vorn. Über das Wie und Wohin wäre noch zu reden. Margit Schreiner hat dazu sicher noch mehr zu sagen.## ---- #Quelle: Pool Feuilleton; #Manchmal reden Heldinnen so innig mit dir als Leser, dass du vollends in ihre Rolle schlüpfen musst ohne Entrinnen.#Margit Schreiner wählt für die Darstellung eines alleinstehenden Patchwork-Desasters eine geniale Erzählform, sie lässt die Heldin in einer Du-Anrede im inneren Monolog mit sich reden. Diese Du-Form, mit der man oft kleinen Kindern das wichtigste vom Leben beibringt, beruhigt einerseits, weil sich alles erklären lässt, andererseits wühlt diese Anrede auch ungemein auf, weil du nicht einmal vor dir selber eine Ruhe hast.#Die Erzählerin versucht ursprünglich nur, als Sachbuchautorin Projekte abzuwickeln und zu beschreiben. "Die Tiere von Paris" nennt sich so ein Unterfangen, wobei von der Ratte über die Taube bis hin zum aufwändig gehaltenen Hund und der zufällig vorbeischauenden Fliege jedes Lebewesen seinen eigenen Kosmos verwaltet. Aber bald fühlt sich die Erzählerin selbst wie ein solches Forschungsobjekt, sobald sie nämlich ihre eigene Lage überdenkt.#Denn seit die Erzählerin Mutter einer Tochter geworden ist, kommt sie kaum mehr zum Arbeiten, die ganze Energie geht mit dem Kind drauf und den Rest verschlingt der Mann, von dem sie sich bald scheiden lässt.#Als ein Projekt über das "Verirren in der Natur" ansteht, zieht die zerbrechliche Familie nach Palestrina südlich von Rom und lebt sich endgültig auseinander. Der Mann hat von einem Seitensprung in Paris ebenfalls eine Tochter ausgefasst, die beiden Halbschwestern spielen nun das doppelte Lottchen, wobei sich die heile Welt in Kästners Roman als Farce entwickelt.#In der sich immer rasender drehenden Beziehungskiste scheint die Tochter der geheime Mittelpunkt zu sein. Oft werden Freundschaften eingegangen, emotionale Kriege erklärt und zwischendurch etwas haptischer Sex eingestreut, wenn es nur zum Wohle des Kindes ist. Während die Eltern ständig an sich selbst und den neuen Beziehungen zerbrechen, wird die Seelenlage immer im Abstand zum Kind ausgemessen. Als schließlich die Erzählerin wieder eine Beziehung eingeht, tut sie die nur zum Wohle des Kindes.#"Mitte Jänner heiraten dein Freund und du." (180)#Margit Schreiners Roman erzählt von einer Welt, in der es nur Hindernisse, falsche Regeln und Ausweglosigkeiten gibt. Das Kind mutiert dabei zu einem Gebilde, auf das alle Lebensentwürfe projiziert werden bis hin zur Selbstzerstörung der Eltern. Das Bemühen, eine individuell stimmige Lebensform zu finden, endet in komplettem Stress, der sich ortsunabhängig in Paris, Wien und Kroatien entfaltet. Selbstverwirklichung ist ein Vorgang, den du dir vor allem selbst erst einmal erklären musst. - Ein Roman, der alle Beziehungskisten sprengt.#Helmuth Schönauer