Meine Dreier

Bezeichnung Wert
Titel
Meine Dreier
Untertitel
Schlittschuhbuch
Verfasserangabe
Glantschnig, Helga
Medienart
Sprache
Person
Verlag
Ort
Graz
Jahr
Umfang
223
ISBN10
3-85420-505-8
ISBN13
978-3-85420-505-0
Schlagwort
Annotation
Pflicht und Kür / Zu Helga Glantschnig und ihrem »Schlittschuhbuch« Die gebürtige Kärntnerin Helga Glantschnig ist eine jener Autorinnen, die es verstehen, das Eigene, die eigene Geschichte kunstvoll zu Papier zu bringen. Kunstvoll in dem Sinne, daß sie perfekt zwischen größtmöglicher Einfachheit des Erzählens und experimenteller Raffinesse der Konstruktion changiert. Ihre Wiener Lehrerinnenzeit hat sie etwa in einem viel beachteten "Lexikon der Falschheiten" dokumentiert. "Blume ist Kind von Wiese", so der Titel des Buches, ist eine Sammlung von Definitionsversuchen, die Kinder ausländischer Eltern im Deutschkurs unternommen haben. "Naive Sprachkunst" hat Ernst Jandl diese poetischen Gehversuche zwischen "Lustig: Ist für Lachen. Wenn ganz, ganz lustig, dann weinen sie. Mein Vater hat einmal gelachtweint." und "Traurig: Ist weinen und etwas anderes ist, wenn dein Vater tot ist oder etwas von deiner Familie." genannt. Mit scheinbar ähnlicher Naivität hat Helga Glantschnig wenige Jahre später die Geschichte ihrer Oberkärntner Kindheit erzählt. Durch "Mirnock", diesen autobiographischen Bergroman, zieht sich ein unverfänglicher Jungmädchenplauderton, der allerdings des öfteren durch Sprachbilder und Sprachspiele aufgebrochen wird. Nicht jede Kindheitsgeschichte ist — wie es Thomas Bernhard vorgibt — eine Katastrophengeschichte, aber auch Glantschnig geht es bei ihrem literarischen Blättern im Familienalbum um das Verzeichnen aller Verletzungen und Demütigungen, um so der eigenen Andersartigkeit nachspüren zu können. "Mirnock" ist also gewissermaßen die Pflicht gewesen, mit dem neuen Band "Meine Dreier", einem Schlittschuhbuch, absolviert Helga Glantschnig die Kür. Wieder ist es das Eigene, das Autobiographische, das im Zentrum des Buches steht. Die sportliche Autorin, die in ihrer Jugend Vereinsschwimmerin gewesen ist, hat es nun aufs Eis verschlagen, wo sie seit einigen Jahren mit artistischem Anspruch ihre Runden dreht. Ihrer neuen Leidenschaft, die gleichermaßen sportlicher wie ästhetischer Natur zu sein scheint, versucht sie nun in einer geschliffenen Mixtur aus Tage- beziehungsweise Trainingsbuch und einer Kulturgeschichte dieser Fortbewegungs- und Vergnügungsart Ausdruck zu geben. Da liest man von ersten jungsteinzeitlichen Rutschversuchen am Eis, vom ersten Holz-Eisen-Modell eines Schlittschuhs, das die Holländer bereits im Mittelalter entwickelten, da wird die Gründung des Edinburgh Skating Clubs anno 1742 beschrieben, während ein Abraham a Sancta Clara im Jahrhundert davor noch heftig gegen dieses »Huy und Pfuy der Welt" wetterte. Bis in die Gegenwart reicht der historische Abriß, der auch den Laien zu interessieren vermag. Doch es ist weniger die strenge Geschichtsschreibung, die "Meine Dreier" auszeichnet, als vielmehr das lakonisch gehaltene Trainingsbuch der Autorin selbst, die da ihre ersten Figuren vom Achter bis zum Dreier dreht und naturgemäß auch des öfteren am glitschigen Parkett zu Sturz kommt: »Freitag, 28. 11. Später Nachmittag, leichtes Tröpfeln, alsbald ein Sturz, der sich gewaschen hat, zuerst pralle ich Gimpel beim Chasse rückwärts mit Wucht gegen die Bande, dann aufs Eis, Rückpralleffekt, Wellen, die mich überschwemmen, auf der Bank kommt die Kreislaufschwäche wieder in Ordnung, der Schreck sitzt im Kragen, etwas der Mutlosigkeit Verwandtes, der Tag im Eimer.« Zwischen Historiographie und Tagebuch hat die Autorin schließlich noch eine dritte, die eigentlich literarische Schlittschuhspur übers Eis gezogen. Mit Anagrammen, Grafiken und Zitaten versucht sie Literatur und Eislauf zu verknüpfen. Das reicht von Klopstocks Eislaufoden und Goethes "Winterfreuden" bis hin zu Ingeborg Bachmanns Vergnügungen am Klagenfurter Kreuzbergteich, wo "die Mädchen in Glockenröckchen ... Innenbogen, Außenbogen und Achter fahren..." Vielleicht wäre in diesen literarischen Exkursen noch genauer auf die tatsächliche Verbindung von Schreiben und Schlittschuhlauf einzugehen gewesen, vielleicht hätte man Figuren und Bewegungsabläufe mit literarischen Konstruktionen vergleichen können — vom Achter bis zum Salchow —, vielleicht wäre dabei aber auch nur ein belangloses Fabulieren entstanden. Wie auch immer. "Meine Dreier", Helga Glantschnigs literarische Kür - am Buchumschlag ist übrigens die Autorin selbst als "Pin-Up" am Eis zu sehen -, ist eine empfehlenswerte Lektüre: für Schlittschuhläufer ebenso wie für Leser, die es vorziehen, sicheren Boden unter den Füßen zu haben. *LuK* Gerhard Moser
BEMERKUNG
Katalogisat abgeglichen mit: onlineRezensionen (ÖBW)
Übersetzung
Deutsch
Trägermedium
Band
Illustrationsangaben
Ill.