Gemeinde- und Schulbücherei Geboltskirchen

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All die Nacht über uns

Bezeichnung Wert
Titel
All die Nacht über uns
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Gerhard Jäger
Medienart
Sprache
Person
Verlag
Ort
Wien
Jahr
Umfang
237 S.
ISBN13
978-3-7117-2064-1
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Jutta Kleedorfer; #Die Chronik einer Nacht als Rückblick auf die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers. (DR)#Ein Soldat versieht seinen Dienst allein auf einem Wachturm an einer Grenze. Es ist ein brutaler und zugleich magischer Ort, an dem der Ich-Erzähler die vielen Grenzerfahrungen seines Lebens reflektiert. Die Erzählung ist raffiniert und doppelbödig aufgebaut wie eine Blackbox: Externe Signale - wie aufgeschreckte flatternde Vögel, unheimliche Stille, beunruhigende Dunkelheit schon am Beginn des Wachdienstes - verdichten sich von Stunde zu Stunde. Vom Eingangskapitel um 19 Uhr am Abend bis zum Schlusskapitel um 6 Uhr in der Früh werden Reaktionen und Verhaltensweisen eines Mannes in Zeiten von Verwerfungen, Umbrüchen und diffusen Ängsten minutiös widergespiegelt.#Die nächtlichen Eindrücke des Grenzsoldaten vermischen sich während der Wache mit persönlichen Erinnerungen. Solche Flashbacks treten blitzartig durch Schlüsselreize auf und rufen ein Wiedererleben hervor. Im konkreten Fall sind es Nachhallerinnerungen an eine unerfüllte Liebe, einen ungeklärten Mord und eine spannende Spurensuche. Diese Rückblenden reaktivieren schließlich ein bestimmtes Verhalten, als er in Anbetracht der Flüchtlinge vor der Entscheidung steht, dem Schießbefehl Folge zu leisten oder nicht.#Es wird nicht nur die auf eine Nacht komprimierte Lebensgeschichte eines Mannes beispielhaft erzählt, sondern auch gleichnishaft erfahrbar gemacht, dass "all die Nacht über uns" im Spannungsfeld von Glück und Zerrüttung, Schuld und Sühne, Gehorsam und Widerstand über jedes Menschenleben hereinbrechen kann. Ein Buch, das die Flucht als menschliche Grunderfahrung und parallel dazu die engagierte Mitmenschlichkeit als Licht in der Dunkelheit thematisiert. Die sprachgewaltige Erzählweise, die einfühlsamen wie prägnanten Beschreibungen und die im Stundentakt immer weiter steigende Spannung machen diese Lektüre zu einem eindringlichen Leseerlebnis.## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Harald Gschwandtner; #Das Vermächtnis des Autors Gerhard Jäger Der parabelhafte Roman »All die Nacht über uns«#Während der Lektüre von Gerhard Jägers zweitem Roman All die Nacht über uns erreichte mich die Nachricht von seinem viel zu frühen Tod. Am 20. November 2018 ist der in Dornbirn geborene, zuletzt in Tirol lebende Schriftsteller im Alter von erst 52 Jahren verstorben. Seit einem Unfall 2007 war er auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Texte hat er mit Hilfe eines Sprachcomputers diktiert. Doch Gerhard Jäger selbst wäre wohl der Erste gewesen, der Einspruch dagegen erhoben hätte, seine Bücher deshalb anders, wohl-wollender oder milder, zu beurteilen. In einer Reportage über sein Leben und Schreiben, die 2016 in profil erschienen ist, zeigt der Autor sich als schwarzhumoriger Geist, dem jedes Heischen nach Mitleid fremd war. »Auf den Mount Everest wollte ich ohnehin nie marschieren«, sagt er da über seine körperliche Einschränkung, »und ein fauler Sofahund war ich schon früher«. Nun ist sein im Wiener Picus-Verlag veröffentlichter Roman All die Nacht über uns 2016 erschien das Debüt Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod zu einer Art Vermächtnis geworden; pietätvolle Nachsicht hat er nicht nötig. Die Welt, die Jäger uns in All die Nacht über uns vorführt, steht am Scheideweg, der Protagonist des Romans, ein namenlos bleibender Soldat, vor den Scherben seiner Existenz. Auf einem Wachturm an einer nicht näher bezeichneten »Grenze« beginnt in den frühen Abendstunden sein Dienst. Unweit seines Postens verläuft ein Zaun, der diese Grenze definiert und von dem es heißt, er bestehe aus einem »Spezialmaterial«, »das nicht einmal mit einer professionellen Drahtschere oder Zange zu knacken sei«; der Soldat allerdings vermutet, der Politik sei allererst daran gelegen, die Bevölkerung durch Zaun und militärische Bewachung in Sicherheit zu wiegen. In Sicherheit wovor? Das bleibt im Verlauf des Buches ganz bewusst im Vagen, wenn davon die Rede ist, dass »die Zeiten anders geworden sind« und »dieses Thema so groß geworden ist«. Das Geschehen wird geographisch nicht verortet. Man stellt sich beim Lesen behelfsmäßig ein Dorf an der burgenländischen Grenze vor. Die »Welt, wo Menschen auf dem Weg sind und andere Menschen sich ihnen in den Weg stellen«, ist überall. Die Parallelen zur Situation unserer Gegenwart, zur Flucht- und Abschottungsgeschichte des 21. Jahrhunderts, sind gleichwohl evident: Hier wie dort werden Ängste ge-schürt und Feindbilder lanciert, werden die Bewohner einer »Notunterkunft« von den einen mit Fürsorge, von anderen mit Arg-wohn, von manchen mit offener Ablehnung empfangen. Als Privatperson steht der Soldat zwischen den Lagern, er ist, wie sich her-ausstellen wird, aufrechter Freigeist und Opportunist zugleich. Sein militärischer »Auftrag« und seine Befugnisse indes sind klar definiert: »die Grenzen, das Land, die Gemeinschaft, die Werte, all das muss geschützt werden, geschützt nicht nur mit der Waffe in der Hand, sondern auch mit der Waffe im Anschlag, mit dem Finger am Abzug, der sich seit einigen Wochen ganz offiziell krümmen darf, wenn es die Gemeinschaft, die Sicherheit verlangt«. Indem er darauf verzichtet, die Welt, von der er erzählt, konkret in der Wirklichkeit zu verorten, trägt der Roman Züge einer Parabel. Seine Frau hat der Soldat im »fremden heißen Süden« kennen-gelernt und sie später in der »großen Stadt im Norden« besucht. Aber was ist gewonnen, wenn man die Namen von Ländern, Städten und Personen durch Unbestimmtes ersetzt? Im Grunde nicht viel, weil hinter diesem Durchstreichen immer die Erwartung zu stehen scheint, dass man hinter dem Nicht-Expliziten eben doch das Konkrete und Reale erkennt. Der literarische Kunstgriff läuft so Gefahr, zur bloßen Stilübung zu werden.Der Fokus des Romans bleibt indes ganz eng bei dem Soldaten auf seinem Wachturm, der Furcht, der Langeweile, der zunehmenden Müdigkeit und den Erinnerungen, die sich nach und nach einstellen. Lächelt er zunächst noch versonnen, wenn er aus Gedanken an frühere Jahre ins Hier und Jetzt zurückkehrt, werden diese Gedanken mit der Zeit immer düsterer. Er hat das erfahren wir peu à peu alles, was seine Zukunft aus-machen, was sie mit Freude hätte erfüllen sollen, auf tragische Weise verloren. Während das Wetter umschlägt, Wind und Regen den exponierten Turm peitschen, quälen ihn die Bilder der Vergangenheit, die, wie es heißt, »in seinem Inneren lauern, in den Ecken und Nischen, und nur darauf warten, hervorzubrechen wie Sturzfluten nach einem Wolkenbruch«. Der Text ist im Rhythmus der Nacht getaktet, jeder Stunde entspricht ein Kapitel. Auch die einzelnen Abschnitte folgen einem wiederkehrenden Strukturprinzip: Der Soldat erinnert sich, schreckt aus seinem Sinnieren auf, späht in die Dunkelheit, raucht, trinkt, verfängt sich aufs Neue in Erinnerungen. Eine weitere Ebene bildet die Biografie seiner Großmutter. Jäger hat dafür auf Erinnerungen der heute in Tirol lebenden Künstlerin Dietlinde Bonnlander zurückgegriffen, die im Frühjahr 1945 mit ihrer Familie aus Hinterpommern fliehen musste. Ihre Geschichte dient im Roman als historische Folie für die Erfahrung von Flucht und Vertreibung, von Heimatverlust und Zukunftsangst. Wie in Susanne Fritz Wie kommt der Krieg ins Kind (2018) wird auch hier das Schicksal der Zivilbevölkerung in den ehemals deutschen Ostgebieten im letzten Kriegsjahr zum Thema. All die Nacht über uns beweist Jägers Gespür für impressionistische Bilder. Gerade über die Lichtregie der einzelnen Szenen werden die Kapitel des Romans, die Etap-pen der Nacht, miteinander verklammert. Nur manchmal laufen die Metaphern aus dem Ruder, wird allzu dick aufgetragen, was in seltsamem Kontrast zur sonstigen Sprödheit und Geradlinigkeit des Textes steht: »Natürlich war man auch in diesem Dorf schon längst mit der großen Welt konfrontiert, die Welt, die da und dort in Aufruhr geraten war, aus den Fugen geriet, aufplatzte wie eine Pestbeule und Menschenmassen in Bewegung setzte.«Alarmbereit, mit dem Gewehr im Anschlag, sitzt der Soldat auf seinem Posten, stiert und horcht in die Nacht hinein. Seine Angst richtet sich nicht allein auf die Dunkelheit, über die er wacht, sondern auch auf die Schatten der Vergangenheit, die in den Untiefen der Seele lauern. Gerhard Jägers Roman, der auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises stand, ist politisch brisant und radikal introspektiv zugleich: eine literarische Stimme, die zweifellos fehlen wird.

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