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Chorprobe

Bezeichnung Wert
Titel
Chorprobe
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Sabine M. Gruber
Medienart
Sprache
Person
Verlag
Ort
Wien
Jahr
Umfang
286 S.
ISBN13
978-3-7117-2013-9
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html);
Autor: Johannes Preßl;
Eine junge Frau im Spannungsfeld zwischen einem neurotischen Dirigenten und der großen Liebe. (DR)
Seit ihrer frühesten Kindheit hat Cindy den Wunsch, einmal als umjubelter Star auf der Bühne zu stehen. Nach einem abgebrochenen Jusstudium arbeitet sie für einen Hungerlohn als Sekretärin bei einem Wiener Rechtsanwalt, da tut sich mit dem Eintritt in den "Chorus" die Chance auf, einmal im Rampenlicht zu glänzen und Anerkennung zu ernten. Der Chorus singt international in der ersten Liga. Deshalb ist es für jedes Mitglied das Ziel, für einen Auftritt berücksichtigt zu werden. Diese Situation wird von Prof. Wolfgang G. Hochreither, genannt Wolf, schamlos ausgenutzt. Wolf hat ein gestörtes Verhältnis zu Menschen im Allgemeinen und zu Frauen im Besonderen. Er vereinnahmt sie, macht sie abhängig, nützt sie aus und lässt sie am Ende eiskalt fallen. Auch Cindy droht den erotischen Avancen des Chorleiters zu erliegen und sich immer mehr in einem Wechselbad der Gefühle zu verlieren, da begegnet sie dem Gartenarchitekten Emil und die Geschichte scheint auf ein sicheres Happy End hinzusteuern. Doch Sabine Gruber lässt sich mit der Schlusspointe Zeit und schafft somit ein Szenario, das der Realität beklemmend ähnlich kommt.
Man merkt mit jeder Zeile, dass die Autorin die Musiker-Szene und die Mechanismen, die dahinter stecken, aus eigener Praxis kennt. Sabine Gruber entwickelt in diesem Roman ein fein abgestimmtes Szenario, das den Leser von der ersten Seite an in den Bann zieht. Ein rundum gelungenes Buch!

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Quelle: Literatur und Kritik;
Autor: Bernhard Sandbichler;
Licht im Dunkeln?
Sabine M. Grubers Roman "Chorprobe"
Wer sich ein wenig für Chorgesang interessiert, kennt Situation und Namen: Beethoven, Opus 123, Missa Solemnis - eine Riesenkiste. Wir sind im Gloria. Mächtiges Gefiedle von den Streichern all, Pauken, Trompeten, der Chor - um die 90 Sängerinnen und Sänger - in sich steigerndem "Gloria in excelsis". Vorne, ganz vorn steht die Lichtgestalt: Nikolaus Harnoncourt; dann kommen auf Podien aufsteigend die Orchestermusiker, die Solisten, der Chor. Harnoncourt dirigiert das Chamber Orchestra of Europe und der Chor heißt Arnold Schönberg Chor, eine Aufnahmesession aus dem Jahr 1992, nachzusehen auf YouTube. In der ersten Chorreihe Mitte sieht man unsere Autorin: Sie schwingt im Rhythmus. "Das muss ein bisschen mehr Tanzschmalz haben, es muss eine klingende Lederhose sein. A sounding Lederhosen", hat er gesagt. Und selbst Funken versprühend: "Die Noten müssen aus Ihren Ohren spritzen!"
Vermutlich hat sie das wortwörtlich in ihren Klavierauszug eingetragen. Und vermutlich sind sämtliche ihrer Klavierauszüge voll von Harnoncourts "Sprachbilderwelt" - so viel haben diese beiden miteinander musiziert, der große Dirigent und der große Arnold Schönberg Chor, dem die Autorin lange Zeit angehörte: Die Schöpfung, Die Jahreszeiten, Die Marien-Vesper, Bach-Kantaten, Haydn-Messen, Händels Messias. Jahre später, 2003, wird sie vieles davon in einem Buch mit dem schönen Titel Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten publizieren. Und noch einmal Jahre später, 2014, wird sie in ihrem Roman Chorprobe immer wieder Zitate daraus verwenden.
Diese literarische Praxis heißt Pasticcio und ist "das Wesen jedes schöpferischen Prozesses", wie diese musikwissenschaftlich äußerst kundige Autorin in einem Vortrag anlässlich eines Symposiums bei den Festwochen der Alten Musik in Innsbruck im August 2013 ausgeführt hat. Damit hat es aber noch nicht sein Bewenden. Wenn wir wieder zurückblenden, zurück zur Aufnahmesession aus dem Jahr 1992, dann fehlt jemand in diesen ekstatischen Musikwirbeln. Die im Dunkeln sieht man ja nicht. Und im Rücken der Lichtgestalt Harnoncourt ist es dunkel. Vielleicht steht er auch gar nicht dort im Dunkeln. In jedem Fall steht er zumindest im Schatten Harnoncourts. Er hat bloß zugearbeitet. Der Herr Chorleiter. Erwin Ortner mit Namen.
Von ihm hat Sabine M. Gruber ebenfalls authentische Interviewzitate eingebaut (wiederum auf YouTube nachzusehen). Im Roman hört er auf den Namen Wolfgang Gottlieb Hochreither, vulgo Wolf. Er funktioniert hier als Chorleiter eines kursivierten Chorus ganz so, wie Harnoncourt den großen Karajan in biografischen Gesprächen mit Monika Mertl gezeichnet hat: "Es war eigentlich viel Angst im Orchester. Das hat Karajan auch bewusst etabliert. Er hat damit gearbeitet. Er hat Leute allein spielen lassen, damit jeder andere Angst hat, weil er vielleicht der nächste ist, und die Disziplin war wieder da. Er hat viel mit Terror gearbeitet." Da hilft es wenig, wenn "eine Studie der Universität Kalifornien ergab, dass die Speichelproben von zweiunddreißig Mitgliedern eines Chores nach der Aufführung von Beethovens Missa Solemnis einen Anstieg des Immunglobulins A von zweihundertvierzig Prozent aufwiesen" - wie man in diesem Roman neben vielen Chor-Interna auch erfährt. Gegen die gemeinen Verbalattacken und hochnotpeinlichen erotischen Avancen dieses terroristischen Finsterlings zeigt die lindernde Macht der Musik nur geringe nachhaltige Wirkung. Cindy, die junge Dame und Hauptfigur des Romans, wird am Ende ihren Austritt aus dem Chorgefängnis, in das sich Sängerinnen und Sänger scharenweise und freiwillig trotz oder wegen dieses erbarmungslosen Scharfrichters begeben, sachlich per E-Mail bekannt geben.
"Es gibt ein Leben nach dem Chorus, haben wir es nicht immer schon geahnt?", liest man zum Schluss. Aber nicht nur dieser Abgang mit erhobenem Haupt macht deutlich, dass der Roman keine weitere Facette der großen österreichischen Passionsliteratur eines Thomas Bernhard (Autobiografie), einer Barbara Frischmuth (Klos­terschule) oder eines Franz Innerhofer (Schöne Tage) ist, die autoritäre Systeme entlarvt. Lucinda Franck, alias Cindy, die den unerfüllten Kindheitstraum ihrer Mutter nicht erfüllte (Balletttänzerin!), lässt sich vom Wolf verführen und wird ein singendes Rädchen im Chorgetriebe; Lucinda Franck, alias Cinderella, findet aber einen Prinzen (in Schönbrunn), der sie rettet. Alles ist gut. Ohne Chorus.
Den Umkehrschluss - Alles ist schlecht. Mit Chorus. - kann man ebenso wenig unkommentiert stehen lassen, wie einen derart romanzenhaften Schluss. Niemand verlangt, dass Cindy als Wolfs Leibeigene vor die Hunde geht, aber vermutlich ist die ganze Wahrheit auch nicht eben das, was Leser außerhalb des Insiderkreises bei Laune hält. Viel interessanter, weil nicht schwarz-weiß gemalt, erschiene doch jene Lichtseite im dunklen Gemüt, die Harnoncourt bei Karajan konstatiert, und die auch Gruber bei ihrem Hochreither ansatzweise thematisiert: "Er war eine Faszinationsfigur für sehr viele Frauen. Für mich war er der Inbegriff des Erfolgsmenschen er wird immer der erste sein, das ist sein Wesen seine Ausstrahlung ist so stark, sein Rücken hat eine derartig starke Ausstrahlung, dass er einen Saal mit dreitausend Leuten faszinieren kann. Und das ist rätselhaft." Frei nach Canetti: Der Dirigent ist Macht, der Chor Masse. Natürlich hat auch Harnoncourt selbst etwas von diesem Rätselhaften. Als Viktor von Weiden darf er in diesem Roman aber nur makellos strahlen. Der andere, Wolf, strahlt auch, ist aber ein reiner Blender. Das springende, grimmig blickende, missverständlich Einsätze gebende Teufelchen: Hier ist es weniger der Karikatur eines Typus als einer etwas selbstgerechten persönlichen Abrechnung geschuldet. Erwin Ortner, Wolfs reales Vorbild, mag ein beinhart kalkulierender, ebenfalls selbstgerechter Mensch sein, ein obsessiver und beseelter Musiker ist er aber jedenfalls auch. Er wird vermutlich nie aufhören, sich immer wieder aufs Neue nie mit dem Erstbesten zufriedenzugeben. Und das ist durchaus etwas, das man von ihm lernen kann.
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