Öffentliche Bücherei Nitscha

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Grandhotel

Bezeichnung Wert
Titel
Grandhotel
Untertitel
Erzählung
Verfasserangabe
Waltraud Mittich
Medienart
Sprache
Person
Auflage
1.Auflage
Verlag
Ort
Innsbruck
Jahr
Umfang
160 S.
ISBN13
978-3-7082-3249-2
Schlagwort
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Christina Repolust; #Bröckelige Lebensgeschichten hinter glanzvoller Fassade. (DR)##Menschen im Hotel haben als Topos schon immer fasziniert. Was verbirgt sich hinter dem Luxus der Fassade? Identitäten werden hier gesucht, manchmal sogar gerettet. Die Autorin lebt in Bruneck, sie kennt also das Grandhotel "La Fortezza" und den "Palace zu Gossensass" wie auch das Grandhotel "Pragser Wildsee". Ob es diese Orte wirklich gibt? Mittich bedrängt ihre LeserInnen mit Fakten wie den genauen Ankunftszeiten von Flugzeugen, den Adressen, zu denen die Suchenden mit Taxis unterwegs sind. Diese exakten Recherchen wirken ziellos, Heimatlosigkeit macht sich breit, wie wer heißt, das will im Ernstfall hier niemand wirklich wissen. So bleibt auch die Ukrainerin einer Geschichte namenlos; Moia, die durch die Geschichten führt, und die namenlose Ukrainerin treffen sich eine Ballnacht lang. In Gossensass, einem winzigen Dorf in Südtirol. Auch hier präsentiert die Autorin Ortskenntnis, beschreibt den beginnenden Massentourismus, während man jetzt endlich die Ukrainerin kennen lernen will.#Dieses Buch braucht ernste LeserInnen, die das Dröhnen, das Rauschen, das Wispern der vielschichtigen Erzählstimme genießen können. Ich empfehle, öfter Halt zu machen, sonst könnte einem der Leseatem ausgehen.## ---- #Quelle: Forschungsinstitut Brenner-Archiv (http://www2.uibk.ac.at/brenner-archiv/); #Autor: Anna Rottensteiner; #"Ich bin nicht die Erzählerin. Ich bin nur die, welcher erzählt worden ist. Oder ich bin eine, die dabei war, als alles geschah. Oder ich bin jene, der es widerfuhr." So beginnt Waltraud Mittichs erste Publikation "Mannsbilder" aus dem Jahr 2002, in der sie die Vielschichtigkeit der Erzählhaltungen und -perspektiven literarisch zum Ausdruck bringt. Ein Entreé, das auch auf die soeben erschienene Erzählung "Grandhotel" übertragen werden könnte. Und wir begegnen auch einer Figur wieder, Moia. War sie die dunkle Erzählerin damals? Moia, so jedenfalls heißt nun die Erzählerin. Sie sammelt die Geschichten, die ihr in Tagebüchern, Begegnungen, Gesprächen zugetragen werden. Doch sie ist auch Involvierte, taucht immer wieder auf, bevor sie dem Strom der Geschichte ihren Lauf lässt und wieder untertaucht. Kein Erzählband, sondern eine Erzählung ist es, deren Skelett die "mondän-melancholischen" Kulissen der Grandhotels von Palermo über Opatija bis zum Pragser Wildsee darstellen. Die Häuser selbst sind dabei Protagonisten und Träger der Sehnsüchte jener, die sie aufsuchen - und die sich selbst aufsuchen. Dem Topos des "Hotels" als Ort der Durchreise, des Ankommens im Zwischenreich, im Land der eigenen Sehnsüchte, Hoffnungen, in dem ein Rückblick auf Erreichtes und Verabsäumtes, Erhofftes und Erwunschenes möglich zu sein scheint, vermag Mittich mit ihrem Erzählstil dabei durchwegs neue und überzeugende Facetten entgegenzusetzen.#Die Hotels erscheinen wie märchenhafte Schleusen des Erinnerns, deren Spezifisches hervorzustreichen der Autorin mit wenigen Strichen gelingt. Da ist das Hotel, "das unter den Pfeilern der Autobahn steht", das Palace in Gossensass. Oder Das Grandhotel Wildbad, Ruine und Märchenschloss in einem, "alle Zimmer mit Waldblick". Die wehenden Vorhänge im Grandhotel Misurina. Die Palmen im Grandhotel e delle Palme in Palermo. Allesamt "Häuser der Sehnsucht": "Die Flügeltüren des Sehnsuchtshauses sind Vogelflügel. Sie haben mich immer davongetragen" Und so tragen sie die Erzählerin davon, hinein in die Leben von Frauen, Geschichten aus Gegenwart und Vergangenheit, von Liebe, Suche, Treue, Verrat, quer durch die Zeiten hindurch. Mit ihnen bevölkern sich die Zimmerfluchten der Grandhotels: Da ist Adriana mit dem vielsprechenen Namen Sciascia, Architektin, fünfzig Jahre alt, die sich in Palermo zurückzieht, dem Verfall der Stadt verfällt, den eigenen Wurzeln aber nicht auf den Grund kommt und letztendlich verschwindet, genauso wie Jole, die, nach einem Leben als Gattin eines neofaschistischen Eisenbahners, an den Ort und die Liebe ihrer Kindheit zurückkehrt, und in der Nähe des Grandhotels Wildbad im Schnee erfriert. Oder die Ukrainerin, schön, fremd, die im Hotel unter der Autobahnbrücke im Tourismusland Südtirol sich ein neues Leben aufzubauen versucht und im Lauf der Geschichte einen Namen bekommt: Mascha.#Neben diesen Geschichten, die der jeweiligen Erzählung den Grundton geben, webt Mittich zahlreiche weitere Namen und Begebenheiten ein, die inhaltlich zusätzliche Facetten dessen ergeben, was "Weiblichkeit" oder konkreter "Frau-Sein" sein könnte: da finden wir Anspielungen auf Verena Stefans "Häutungen", auf die Revolutionärin Alexandra Rachmanova, aber auch auf lokal verankerte "Heldinnen" wie Katharina Lanz, das mythenumwobene Mädchen von Spinges, oder die berühmte Hotelierin "Frau Emma", auch sie ein Mythos als Pionierin in der Tourismuswelt.#Was Mittich von Anfang ihres Erzählens an ein großes Anliegen war, nämlich das Korsett der Zuschreibungen an die Weiblichkeit (aber auch an die Männlichkeit) zu sprengen, indem sie das spannungsgeladene Feld poetisch neu auflädt und die Vielfalt durch assoziative Verbindungslinien in neue Zusammenhänge bringt, gelingt ihr in "Grandhotel" aufs Intensivste. Aber mehr noch: Die Linien durchkreuzen auch Vergangenheit und Gegenwart, verbinden Zeiten und Orte, um letztendlich zu einem großen Textgewebe zueinanderzufinden.#Sie durchwehen die Erzählungen, lassen einen transnationalen und transhistorischen Kosmos entstehen, in dem die K.und K. Monarchie, "deren letzte abgefuckte Nachfahren wir sind", und die heißen Sechziger Jahre im Mailand der politischen Kämpfe in die Gegenwart mit ihrer Google-Süchtigkeit kippen. Mittichs kulturkritische Position (die an manchen Stellen vielleicht allzu deutlich benannt wird, was der Text nicht bräuchte): nicht nur die Welt von Gestern ist passé, auch die Welt von Heute ist dem Verfall preisgegeben. Sie will es nur noch nicht wahrhaben. Diese Aussage des Textes wird atmosphärisch verstärkt durch das Einflechten von literarischen Anspielungen: auf Thomas Manns Aschenwald und Tadzio in seiner Novelle "Tod in Venedig" etwa, auf Schnitzlers "Fräulein Else", auf Franz Kafka und Joseph Roth. Auch sie scheinen, wie die Figuren und ihre Geschichten, Gäste in den Zimmern des Grand Hotels mit Namen "Kontinent Europa" zu sein, das seine neuen Gäste, seine "neuen Fremden" und deren Positives, noch nicht wahrhaben, geschweige denn willkommen heißen will: "Ihr, die neuen Fremden ihr seid das wirklich Neue oder Aufregende. Was du hier siehst, noch einmal, sind die Überreiste einer schon untergegangenen oder gerade untergehenden Welt." So spricht Moia zu Mascha, der Ukrainerin. Und da darf auch eine Anspielung auf den ukrainischen Schriftsteller Juri Andruchowytsch nicht fehlen, der "sein Europa" und dessen Zentrum östlich der bisher angenommenen Mitte ansetzt.#Waltraud Mittich verwebt Imagination mit Historie zu einem eigenwilligen Kontinuum, dessen poetisch unverwechselbarer Ton von Sinnlichkeit, Wissen und Spiel getragen ist und sich von Herbheit, einer Spur von Bitternis, aber ebenso von Leidenschaft und Zuneigung speist.## ---- #Quelle: Pool Feuilleton; #Grandhotels sind markante Versammlungsorte von Schicksalen, Lebensläufen und Lebensentwürfen. Oft überdauern diese edlen Einrichtungen die Jahrhunderte und spreizen sich mächtig gegen den jeweiligen Zeitgeist. In ihren Zimmern und Gängen versickert zwischendurch die Zeitgeschichte und tritt manchmal einem Gast entgegen, wenn dieser hellwach Aufenthalt nimmt.#Waltraud Mittich versammelt unter dem edlen Titel "Grandhotel" verschiedene Karrieren, die sich in solchen Hotels kreuzen und durch Gespräche und Notizen zu handfesten Geschichten auswachsen. Die Erzählerin Moia sucht immer wieder markante Hotels auf, um einerseits über sich selbst ins Reine zu kommen, andererseits auch über die verschlungenen Machenschaften der Geschichte zu einem erträglichen Bild zu gelangen. In acht Grandhotels stößt die Erzählerin auf die merkwürdigsten Verknotungen, in denen sich die jeweilige Zeit, ihre Mächtigen und ihre Unterdrückten zu kaum enträtselbaren Geheimnissen verdichten.#Im sizilianischen Palermo verwittert zwar die Altstadt seit Jahrhunderten, im Grandhotel Palme jedoch erblühen nicht nur die Gärten, sondern auch Liebschaften, Sehnsüchte und leise Intrigen.#Fast wie die Faust aufs warme sizilianische Auge passt das Palace-Hotel im alpinen Gossensass. Hier, an den Pfeiler der übermächtigen Autobahnbrücke geklemmt, spielt es sich ab, wenn eine Ballnacht beinahe in die Dimension einer Epoche ausufert. Die Erzählerin trifft auf eine ukrainische Aushilfskraft, die ihre Heimat notgedrungen verlassen hat, um im satten Tourismus Land Südtirol einen Überlebensfuß auf den Boden zu kriegen.#Im Misurina hingegen kommt es zu spontanen erotischen Ergüssen, als ein Mann seinen Koffer mit entsprechenden Utensilien auspackt und die Erzählerin, das Zimmer, ja den ganzen Kontinent mit seinen Phantasien überflutet. (66)#Was wir auf der Durchreise als Festung Franzensfeste kennen, entpuppt sich in dieser Erzählung als ein Grandhotel, worin kein Zimmer dem anderen gleicht. Den großen Heroen der Kunstwelt ist jeweils ein Raum gewidmet, halb Museum, halb laszive Anmache, um sich als Gast ungeniert auszustrecken. Ein verbunkertes Geheim-Hotel kann vielleicht am ehesten den Lauf der Geschichte erzählen, denkt sich Moia und erkundet und forscht und schnüffelt in diesem Grandhotel La Fortezza herum.#Das Personal hingegen spielt überall eine zurückgenommene Rolle, weshalb sich diese Sequenz schlicht Rezeption nennt. Eine Serviererin und ein Rezeptionist sind "untertags williges Hotelpersonal, des Nachts heben sie ab". (106) Die Saison vergeht wie im Flug zwischen Arbeit und Glück, aber das Ende kommt wie in einem schlechten Film, sie ist schwanger und er löst sich in Luft auf.#In einem Postskriptum wird ganz Europa zu einem wabernden und glühenden Hotel, worin ständig neue Gäste und Geschichten auftauchen und das auch ständig erweitert werden muss. Ein Außenposten dieser mondän verästelten Welt müsste unbedingt in Danzig stehen, heißt es zukunftssicher.#Waltraud Mittichs Erzählung ist eine kluge Verflechtung von ankommenden und abreisenden Gedanken, seltsame Protagonisten werden ihrer Einmaligkeit zugeführt, indem sie ein Stück Geschichte erzählen und dann wieder verlöschen. Die große Geschichte legt sich wie ein brüchiges Dach über das kleine Alltagsgeschehen, und immer wieder regnet es Zuversicht und Melancholie. - Eine grandiose Verknüpfung von individuellen Lebensplänen und dem ungebändigten Mahlstrom der Geschichte.#Helmuth Schönauer