In der Judenstadt

Bezeichnung Wert
Titel
In der Judenstadt
Untertitel
Erzählung
Verfasserangabe
Claudia Erdheim
Medienart
Sprache
Person
Verlag
Ort
Wien
Jahr
Umfang
144 S.
ISBN13
978-3-7076-0547-1
Schlagwort
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Cornelia Stahl; #Spannungsgeladene österreichische Geschichte. (DR)#Wien im Jahr 1624. Die Wiener Juden müssen mit ihrem Hab und Gut die Stadt verlassen und werden außerhalb der Stadtmauern in den unteren Werd (heutige Leopoldstadt) angesiedelt. 45 Jahre später werden sie erneut vertrieben. Claudia Erdheim hat eine Vorliebe für historische Themen. Nach "Betty, Ida und die Gräfin" erzählt sie uns in ihrem neuen Buch ein Stück Zeitgeschichte der Wiener Juden und bindet die Familiengeschichte des Tuchhändlers Gerstl in die Rahmenhandlung ein. Gerstl ist als Händler oft unterwegs. Seine Frau kümmert sich daheim um Kinder und Haushalt. Es ist die Zeit der Armut und der Kindersterblichkeit. Armselige Krämer stehen reichen Münz- und Hofjuden gegenüber. Auseinandersetzungen zwischen Juden und Christen prägen den Alltag. Das Ehepaar Gerstl sieht sich der Missgunst und den Verleumdungen der Bewohner ausgeliefert.#Der Überlebenskampf vieler Juden, vor allem nach dem Erlass des Kaisers 1624, steht im Fokus dieser Erzählung. Nach Auflösung der Judenstadt 1670 sind die Bewohner erneut ohne festen Wohnsitz, müssen anderswo neu beginnen. In nüchternem, sachlichem Ton erzählt die Autorin einen Abschnitt österreichischer Geschichte. Spannend und empfehlenswert!## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Christa Nebenführ; #Claudia Erdheim: "In der Judenstadt"#Lehrreich#Wegen der vielen Matze-Bäckereien, die zur Zeit der jüdischen Feste ungesäuertes Brot herstellten, erhielt der zweite Wiener Bezirk zwischen Donau und Donaukanal während des Ersten Weltkrieges den Beinamen "Mazzesinsel". Nach dem Krieg lebte ein Drittel der rund 180.000 jüdischen Wiener Bürger in der Leopoldstadt und stellte damit etwa die Hälfte der Bevölkerung des Bezirks. Ihren Ursprung hatte die Besiedlung in der Vertreibung der Wiener Juden aus der Stadt durch Kaiser Ferdinand II. im Jahr 1624. Hier setzt Claudia Erdheims Erzählung In der Judenstadt ein.#Ein Zug jüdischer Wiener bewegt sich mitten im Dezember des Jahres mit Eselskarren durch den tiefen Schnee zum Rotenturmtor und über die vereiste Schlagbrücke zum Unteren Werd (mittelhochdeutsch für Insel). Kaiser Ferdinand II.#hat ihnen das Siedlungsgebiet der Donaufischer zugewiesen und ein eigenes Gemeindeleben zugesichert, ein Privileg berechtigt sie zum Zutritt in die Stadt und befreit sie von der Auflage, Judenzeichen zu tragen. Aber mit den technischen Mitteln des 17. Jahrhunderts ist diese Übersiedlung nicht zu bewerkstelligen. Viele werden verletzt, einige kommen zu Tode, sodass in einer Petition um Aufschub bis zum Frühjahr gebeten wird, den der Kaiser schließlich gnädig gewährt.#Lena, die 24-jährige Frau des Tuchhändlers Jocham Gerstl, ist eine der Siedlerinnen. Aus ihrer Perspektive wird der Großteil des Gemeindelebens erzählt, das bis 1670 dauern soll, als Kaiser Leopold I. auf den Wunsch seiner Gattin Margarita Teresa von Spanien alle Juden des Landes verweist. Die Intention Erdheims liegt dabei ganz offenbar nicht in der Entfaltung eines tragenden Konflikts, sondern in der präzisen und detailreichen Darstellung einer von vielen kleinen und gar nicht so kleinen Konflikten geprägten Epoche des Wiener Judentums. Dazu gehört die schwelende Feindseligkeit zwischen Lena und ihrer älteren Schwester Hindl genauso wie die ständige Furcht vor der habsburgischen Obrigkeit, den streitsüchtigen und gewalttätigen Wiener Studenten und der Juden untereinander, die sich wegen der Unterschlagung von Steuern gegenseitig anzeigen. An Lena Gerstl und einer Handvoll ihrer persönlichen Verwandten und Bekannten lässt Claudia Erdheim die Lebenswelt des frühen 17. Jahrhunderts in der Judenstadt aufleben. Sie schildert Krankheiten und ihre Behandlung durch Hausmittel, jüdische Gelehrte oder Wiener Ärzte, Geburten und Todesfälle, Eheglück und Ehezoros, Naturkatastrophen und Wohnverhältnisse in der gewohnt knappen, von ironischen Pointen durchsetzen Sprache. Dafür genügt oft schon die richtige Platzierung historischer Gepflogenheiten.#"Lembel steht früh auf, verrichtet das Morgengebet, dankt wie alle Juden Gott, dass er ein Mann und kein Weib ist, frühstückt und geht zu den Pferden und singt."#"Zoros" ist die westjiddische Form des bekannteren ostjiddischen Ausdrucks "Zores" für Ärger und Unannehmlichkeiten. Sowohl Fußnoten als auch ein Glossar am Ende des Buches führen in jüdische Redewendungen und Traditionen ein, zeitgenössische Stiche und Stadtpläne geben eine Vorstellung von den räumlichen Gegebenheiten. Die Erzählweise stellt die Verhältnisse vor die künstliche Überhöhung von Einzelfiguren, wie sie für viele historische Wälzer typisch ist. Keine Helden betreten die Bühne oder treten an die Öffentlichkeit und verändern das Leben der Menschen, und das ist Konzept. In ihrem 2006 erschienen Familienroman Längst nicht mehr koscher expliziert Erdheim dieses Prinzip in einem Nebensatz: "Ein jüdischer Held" wird über einen Verwandten gesagt, der während des Ersten Weltkrieges für Österreich als Arzt an der Front ist. Prompt folgt die Entgegnung: "Es gibt doch keine jüdischen Helden." Die vorliegende Erzählung wirft in Verbindung mit dem erwähnten Roman auch ein Licht auf die jüdische Diaspora: In Die Judenstadt machen sich die vertriebenen Wiener Juden 1670 auf nach Deutschland, Ungarn, Polen, Böhmen und Mähren, in Längst nicht mehr koscher ziehen rund zweihundert Jahre später vier aufgeklärte jüdische Brüder vom galizischen Drohobycz zum Studium nach Wien. Beide Bücher enthalten eine faktenreiche geschichtliche Schilderung, die keine Gefühle erfindet oder interpretiert.#Selbst wenn es so etwas wie universelle und zeitlose Empfindungen geben mag, so sind die Ereignisse, durch die sie ausgelöst werden, keineswegs universell oder zeitlos. Als in einem Wasserloch der Judenstadt die verstümmelte Leiche einer#Christin gefunden wird, überlagert die Angst, dafür unschuldig und vielleicht kollektiv belangt zu werden, andere Gefühle und Gedanken.#"-?Auf der Folter hat er dann gestanden.#-?Was für ein Glück!#-?Sie haben ihn schon in den Kerker gebracht.#-?Dann können wir ja beruhigt sein.#-?Noch hängt er nicht."#Und lesend versteht man in gewisser Weise die Erleichterung der vielen Unschuldigen, von einem tödlichen Verdacht befreit zu sein, weil irgendeiner verurteilt worden ist. Und sei es über ein auf der Folter erpresstes Geständnis.#Claudia Erdheim hat in den 1980er-Jahren eine Reihe autobiographisch inspirierter Romane und Erzählungen vorgelegt und sich Ende der 90er verstärkt dem osteuro­päischen Alltag und seiner Geschichte, insbesondere jener des galizischen Judentums, aus dem die mütterliche Linie ihrer Familie stammt, zugewandt. Ein Thema, das mit dieser Erzählung um die jüdische Vergangenheit Wiens erweitert wird.## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Gerhard Zeillinger; #Kunstlos#Beginnen wir einmal vorsichtig: Historische Romane sind irgendwann aus der Mode gekommen, obwohl sie lange genug ein sehr erfolgsträchtiges, wenn auch nicht gerade innovatives Genre waren. Heute muss Literatur, wenn sie historische Themen aufgreift, das Gegenteil von historisierend sein oder, wie das Robert Menasse mit seinem Roman Die Vertreibung aus der Hölle gelungen ist, in einem fiktiven Kontext das Historische mit Gegenwärtigem so vernetzen, dass eine Metaebene entsteht.#Claudia Erdheim versucht den herkömmlichen Weg. In ihrem jüngsten Buch In der Judenstadt, einer explizit historischen "Erzählung", führt sie den Leser in die jüdische Welt des 17. Jahrhunderts zurück, und was sie erzählt, ist wohl auch wert, erzählt zu werden und hat sogar tagespolitische Aktualität, geht es doch um Migration oder deren Verhinderung, um Verfolgung und letztlich Vertreibung. 1670, als die Juden aus Wien und dem österreichischen Kernland ausgewiesen wurden, ist gewiss eines der düsteren Daten in der österreichischen Geschichte. Dabei steht dieses Ereignis hier erst am Ende, viel mehr wird der Vorgeschichte Platz eingeräumt, die 1624 beginnt, als die Juden außerhalb der Stadtbefestigung und jenseits des Donaukanals, im sogenannten "Unteren Werd", ein Ghetto zugewiesen bekommen. Das Alltagsleben in dieser "Judenstadt" wird sehr genau und vielfältig beschrieben, so dass ein eindrückliches, historisch authentisches Bild vermittelt wird.#Erdheim richtet den Fokus auf ein junges Ehepaar, den Tuchhändler Jocham und seine Frau Lena. Familien- und Geschäftsleben werden mit der Geschichte der Judengemeinde verwoben, da wird geboren, gestorben, da wird gegen Hochwasser und Seuchen gekämpft und unter der "Judenkontribution" gelitten, denn die Juden stehen unter dem Schutz des Kaisers und müssen horrende Schutzgelder entrichten. Zwischendurch sind sie katholischen Bekehrungszwängen ausgesetzt und immer wieder kommt es zu Übergriffen aus der christlichen Bevölkerung bis hin zu Plünderungen und Totschlag.#Kulturgeschichtlich mag das überaus interessant und wohl auch gut recherchiert sein und ob man das eher sachlich darstellen oder plastisch erzählen soll, ist eine Stilfrage. Man sollte es nur auch können. Wenn das Ganze wirklich eine "Erzählung" sein soll, dann bräuchte es dafür zumindest einen literarisch prägnanteren Erzählton, um über das, was ansonsten nur historische Prosa wäre, hinausreichen zu können. Was den Anspruch belletristischer Literatur, eigentlich überhaupt den Anspruch von "Literatur", von Anfang an unterläuft, ist dieses eintönige, geradezu hölzerne Erzählen: "Die große Synagoge brennt. Eine Kerze ist umgeknickt. () Nur der Schammes ist in der Synagoge. Er rennt hinaus und schreit: Die Synagoge brennt!" Usw. Das wirkt bisweilen reichlich unbeholfen, und wenn man dann noch Sätze wie diesen lesen muss: "Lena und Jocham grämen sich sehr", als Reaktion auf den Tod ihres achten Kindes zwei Wochen nach der Geburt, dann wirkt das, mit Verlaub, ziemlich einfältig. Überhaupt wäre ein kritisches Lektorat sehr vonnöten gewesen. Dann hätte man sich auch die reichlich schwerfälligen, ebenso stereotypen Dialoge ersparen können, die diese ohnehin mehr referierende als erzählende Prosa in keiner Weise beleben.#Sagen wir es eindeutiger: Diese "Erzählung" kann den ästhetischen Kriterien einer Erzählung nicht entsprechen. Und da fragt sich, ob solche Bücher überhaupt ein Fall für die Literaturkritik sind. Im deutschen Feuilleton werden Erdheims Bücher erst gar nicht besprochen. Das hat wohl weniger mit Ignoranz als mit entschiedenerer Beurteilung von Qualität zu tun, wofür dem österreichischen Feuilleton (wo dieser Literatur sogar "Virtuosität" bescheinigt wird!) offenbar der Mut fehlt. Oder es gibt noch andere Gründe. Mit der leidigen Auswirkung, dass für wirklich gute Literatur dann oft kein Platz mehr ist und Autoren, die es sich verdient hätten, besprochen zu werden, auf der Strecke bleiben. Und das ist ungerecht.