Fahrt ins Blaue

Bezeichnung Wert
Titel
Fahrt ins Blaue
Untertitel
und andere Geschichten aus dem New Yorker
Verfasserangabe
Berczeller, Richard
Medienart
Sprache
Person
Verlag
Ort
Wien
Jahr
Umfang
167 S.
ISBN10
3-7076-0397-0
ISBN13
978-3-7076-0397-2
Schlagwort
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); Autor: Jutta Kleedorfer; Sammlung von zehn autobiografischen Kurzgeschichten des burgenländischen Emigranten Richard Berczeller. (BO) Der freundliche Titel und die sommerfrische Covergestaltung trügen: Diese zehn Kurzgeschichten, die schon im renommierten amerikanischen Magazin "New Yorker" erschienen sind, geben Einblick in ein fast alltäglich scheinendes Leben, das 1902 in Altösterreich begonnen hat, dessen Verlauf durch schwerste Erschütterungen am Rand des Abgrunds von Vertreibung, Flucht und Elend bestimmt ist, aber auch von einer unerschütterlichen Sehnsucht nach der Heimat geprägt war. Sie sind ein beeindruckendes zeitgeschichtliches Dokument des jüdischen Arztes und Schriftstellers Richard Berczeller, der berührend von Kindheit und Jugend in Sopron und Mattersburg erzählt, von seinem Medizinstudium in Wien, seinen filmischen Ambitionen, seiner Landpraxis in Mattersburg und schließlich von der Vertreibung seiner Familie durch die Nazis. Es folgt eine abenteuerliche Flucht nach Frankreich mit einer Zwischenstation in Afrika, bis ihm und seiner kleinen Familie schließlich die Emigration gelingt und er sich eine neue Existenz in New York aufbauen kann. Im Vorwort wird Richard Berczeller als Menschenforscher und kosmopolitischer Patriot gewürdigt, im Nachwort widmet sein Sohn Peter dieses Buch seinen Enkelkindern, womit sich der Kreis der "Papierbrücke" zwischen den Generationen und den vergangenen Zeiten schließt. ---- Quelle: Literatur und Kritik; Autor: Alexander Kluy; Das Burgenland in New York Richard Berczellers Geschichten aus dem "New Yorker" Der Wartesaal des Exils. Diese Metapher ist eine bekannte, und seit mehr als einer Generation in der Literaturwissenschaft gern weitergetragen. Dieses Bild wurde schon den vor den Nazis Flüchtenden geprägt. Der Wartesaal, in dem ausgeharrt, gehofft, gebangt, sich geängstigt wurde, der Wartesaal, der einen Weg nach außen, ins Sichere offerierte, noch öfters aber Rettung lediglich in Aussicht stellte. Und nicht selten erwies sich die Fluchtfantasie als Phantasma, als Sackgasse, an dessen Ende der Rücktransport stand in die Vernichtung. Viele Flüchtlinge kamen um auf dem Weg aus dem besetzten Europa, das zur Kollaboration mit den Massenmördern mehr als nur willige Vichy-Frankreich, in Sonderheit Marseille nach der Okkupation auch der zone libre, erwies sich viel häufiger als allgemein gedacht als Falle. Nicht so für den 1902 in Sopron/Ödenburg geborenen Richard Berczeller, der 1919 Ungarn verlassen musste, in Wien Medizin studierte, dann als Landarzt im burgenländischen Mattersburg ordinierte, 1938 ein zweites Mal dazu gezwungen wurde, ein Heimatland zu verlassen, diesmal Österreich, mit seiner Familie nach Frankreich ging, von dort für ein Jahr in die Elfenbeinküste, anschließend nach Paris zurückkehrte, sich dort mit Hilfsarbeiten und allerlei kuriosen Aufträgen durchschlug, 1941 von dort nach Montauban floh und glücklich via Marseille in die Vereinigten Staaten entkam, wo er sich erneut eine medizinische Praxis aufbaute und zu Ansehen gelangte, das über die exilösterreichische Gemeinde der Stadt am Hudson River hinausging. In den frühen 1960er Jahren fasste der Allgemeinarzt den Entschluss, seine bisher mündlich dargebrachten Geschichten und Erinnerungen zu Papier zu bringen, in der dritten lebenden Sprache, in der er kommunizierte, arbeitete und lebte (nach Ungarisch und Deutsch). Im Mittelpunkt seiner Aufzeichnungen standen er selber und sein Schicksal, standen seine Erinnerungen und das Unauslöschliche der Vergangenheit. Wie syntaktisch überaus treffend, dass Richard Berczellers literarischer Erstling "Displaced Doctor", frei zu übersetzen mit: Umgetopfter Medizinalrat, dann ausgerechnet in der Odyssey Press zu New York erschien. Und mehr als erstaunlich einerseits war, dass er zehn Geschichten im angesehenen und anspruchsvollen Intellektuellenkulturmagazin "New Yorker" unterbringen konnte, was andererseits dann wiederum nicht so sehr überrascht, bedenkt man die starke Europalastigkeit und Alte-Welt-Affinität der New Yorker Intellektuellenszene noch in den 1960er Jahren. Hochbetagt starb Berczeller im Jahr 1994 in New York. Im letzten Jahr erschien in einem kleinen burgenländischen Verlag ein Hörbuch ("Es gab eine Zeit") mit ausgewählten Texten aus seiner Feder. Nun präsentiert "Fahrt ins Blaue" ihn hierzulande erstmals in gedruckter Form. Die zehn Geschichten, die liberal chronologisch arrangiert sind, was bedeutet: Immer wieder schweifen die Erinnerungen rankenartig ab und durchbrechen die historische Reihung, präsentieren ihn als lebendigen, starken, humanen talentierten Erzähler, dessen Memoriale Leben einfangen: das jüdische Leben im Burgenland vor 1914, das Wien in den frühen zwanziger Jahren, seine bemerkenswert pittoresken Gehversuche beim Film - ein ungarischer Regisseur namens Michael Kertész verpflichtete ihn erst als Komparsen, dann als Hauptdarsteller und wollte ihn sogar mit sich im Paket an die Berliner Ufa verkaufen (was an Berczellers Alternativentscheidung pro Medizinstudium scheitert); viele Jahre später drehte dieser Regisseur, der seinen Namen mittlerweile zu "Michael Curtiz" amerikanisiert hatte, in Hollywood unter anderem einen Film namens "Casablanca" -, außergewöhnliche Ereignisse in der Pathologie (ein Morphinist, der auf der Totenbahre wieder erwacht und einige Tage später einen suizidalen Sprung deshalb überlebt, weil er auf den Nachtwächter fällt), das Leben in Mattersburg um 1930 und das dortige Einleben als Jungarzt und Vorsitzender ehrenhalber der jüdischen Feuerwehr­brigade, seine Zeit als Exilant in Frankreich und in der Finalgeschichte den berührend-skurrilen Besuch anno 1965 seiner ungarischen Geburtsstadt im Zuge der 45. Maturafeier (wobei Berczeller der einzige Teilnehmer ist, ­obschon er seinerzeit vorzeitig vom Lyzeum relegiert worden war). Ist dies Literatur - oder ein Memoirenband, dessen Genrebezeichnung von einem herablassenden "lediglich" akkompagniert wird? Dies ist ja eine Frage, die immergrün ist und habituell bei vielen verdienstvollen Re- oder Neueditionen geflohener Österreicherinnen und Österreicher auftaucht, seien es Leon Kane ("Der Fallstrick") oder Paul Elbogen oder Fritz Kalmar. Sie stellt sich hier wieder - und lässt sich verneinen. Zu pointiert schreibt Berczeller, zu bewusst sind seine Geschichten gebaut, die durch und durch autobiographisch gesättigt sind, mit Lebensbegebenheiten, die das Unglaubliche nicht selten streifen. Manches wie "M. Zuckerbergs Herz" oder "Das rote Fahrrad" überschreitet tatsächlich die Grenze zum rein Anekdotischen nur um ein Weniges. Hingegen atmet beispielsweise die Auftakt- und Titel gebende Erzählung "Fahrt ins Blaue" kunstvoll Heiterkeit und Bitternis, inklusive einer den Text retrograd in Schwärze tauchenden erschreckenden Schluss­volte. Berczeller schlägt einen Tonfall an, der scheinbar dokumentarisch ist, in dem aber seine Subjektivität nie zur neutralen, sachlichen Position eines Berichterstatters verkommt. Seine Haltung einer warmen, dem Individuum zugewandten Humanität in Kombination mit ironischen Spitzen und einer großen Prise Selbstamüsement ist die eines feinsinnigen Erzählers, der unter einem Baum sitzt, auf einem Marktplatz, in einer burgenländischen Buschenschenke. Allerdings mehr als bedauerlich, ja fast ärgerlich zu nennen ist das Vorwort Joachim Riedls. Der Wiener Journalist und Kulturkorrespondent ersetzt darin noch den kleinsten Funken an Information über Berczeller und sein Leben durch haltlos aufrauschendes, beeindruckend inhaltsfreies Pathos, was bereits der von ihm gewählte Titel "Über die Papierbrücken" insinuiert. Zudem ist es fatal, dass er hier, auf den ersten Seiten des Buches und vor dem Haupttext, diesem das Diminutiv "historische Vignetten" anhängt. Eben dies reduziert und mindert Berczellers Anspruch. Da ist man dann mehr als froh, ganz am Ende die bescheiden und zurückgenommen daherkommende, viel kürzere, dafür weit informativere Nachbemerkung von Berczellers Sohn Peter, Mediziner wie sein Vater, zu finden. Und dort zu lesen, wie sein Vater nach und nach das mündliche Erzählen durch das Aufschreiben ersetzte - wofür auch viele Patienten Zeit und Geduld mitbringen mussten. Pflegte doch Richard Berczeller, wie sein Sohn sich erinnert, in den Sprechstunden zu schreiben (darin nicht unähnlich Dr. William Carlos Williams in Rutherford, New Jersey), und seine Patienten warteten geduldig ab, bis ihnen die gerade auf der Schreibmaschine getippten Sätze zur Prüfung vorgelesen wurden. Wieso der Verlag es aber verabsäumt hat, einen genauen Nachweis der zehn Veröffentlichungen in der Zeitschrift "New Yorker" aufzunehmen, Angaben ins Buch zu setzen, wann die Texte geschrieben wurden, oder zumindest die knappe Information, dass die US-amerikanische Originalausgabe im Jahr 1980 erschien, bleibt ein editorisches Rätsel.
BEMERKUNG
Katalogisat importiert von: Rezensionen online open (inkl. Stadtbib. Salzburg)
Übersetzung
Deutsch
Trägermedium
Band