Gemeindebücherei Dienten am Hochkönig

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Aufgetrennte Tage

Bezeichnung Wert
Titel
Aufgetrennte Tage
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Gudrun Seidenauer
Medienart
Sprache
Person
Verlag
Ort
St. Pölten
Jahr
Umfang
264 S.
ISBN13
978-3-7017-1514-5
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Cornelia Gstöttinger; #Wenn sich die Zeit verklumpt und die Erinnerung auflöst - wie Alzheimer das Leben einer Familie verändert. (DR)##Demenz und das Verhältnis der Generationen zueinander, so die beiden gewichtigen Themen, um die der zweite Roman der Salzburger Autorin Gudrun Seidenauer kreist. Schon der Titel "Aufgetrennte Tage" vermag vieles vom Lebensgefühl der an Alzheimer erkrankten Marianne zu vermitteln: Was tun, wenn die Zeit kommt und geht, wie sie will, wenn die Tage nicht mehr fassbar sind, sondern wie Treibholz im Strom der Zeit verschwinden? Immer wieder muss sie sich versichern, dass er, Hermann, ihr jähzorniger Ehemann, nicht mehr da ist, dass es ein Unfall war.#Mit großer Sensibilität nähert sich die Autorin der Seelenlandschaft ihrer Protagonisten - Mutter und Tochter - an, minutiös lotet sie deren schwierige Beziehung zueinander aus. Erzählt wird aus zwei Perspektiven: Einmal ist der Leser/die Leserin dicht bei der dementen Marianne und verfolgt die immer verstrickter werdenden Gedankengänge der ordnungsliebenden alten Frau, die einst aus Mährisch-Ostrau flüchten musste und sich stets eine andere Zukunft gewünscht hatte. Der zweite Strang nimmt die Situation der Tochter Friederike in den Blick: Durch den plötzlichen Tod des Vaters - er stürzte die Treppe hinunter - und die zunehmende Verwirrtheit der Mutter ist sie gezwungen, sich mit den längst fremd gewordenen Eltern auseinanderzusetzen. Unaufhaltbar schleicht sich die Erinnerung an Kindertage, an die Zornesausbrüche des Vaters, das Schweigen, die Distanz zwischen den Eltern ins Bewusstsein. Immer wieder der Gedanke, dass zuhause keine Nähe möglich, jeder in seinem Alleinsein gefangen war. Wie mit der Alzheimer-Erkrankung der Mutter, der man es nie recht machen konnte, umgehen? Wohin mit dem pochenden Verdacht, sie habe beim Sturz des Vaters nachgeholfen? Und wohin mit den Schuldgefühlen, die die Einweisung der Mutter ins Pflegeheim hervorruft? - Beeindruckend, mit welch sprachlicher Brillanz und Virtuosität Seidenauer diese beklemmende Geschichte in Worte fasst. Für alle Bestände sehr empfehlenswert.## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Christa Gürtler; #Fallende Maschen, Marmelade, weiße Flecken im Kopf#Gudrun Seidenauers neuer Roman "Aufgetrennte Tage"#Sauber ist die Küche. Alles ist an seinem Platz, seit er nicht mehr da ist. Ein Unfall, es war ein Unfall. Sie tastet nach dem Zettel in der Kitteltasche: Ich habe gestrickt: Socken, Kniestrümpfe in Zopfmuster. Tracht, steht da."#Das Zettelschreiben hat ihr Hermann noch beigebracht, weil Marianne viel vergisst, aber nicht immer helfen die Zettel und manchmal findet sie die falschen, erinnert sich nicht, sie jemals geschrieben zu haben oder versteht ihre Bedeutung nicht mehr. Marianne leidet an Altersdemenz, diagnostiziert als Alzheimer Typus A. Ihr kommen die Worte abhanden, sie verliert das Zeitgefühl, verwechselt die Wochentage, die Einkaufs-, Wasch- und Putztage. Dagegen hilft schließlich nur mehr, möglichst wenig aus dem Haus zu gehen, denn daheim kennt sie sich aus. In ihrer Kindheit hat sie mit dem Stricken Geld verdient, später hat sie ihre Abende damit verbracht und andere Menschen mit Socken, Schals und Pullovern beschenkt. Doch zunehmend fallen ihr die Maschen von der Nadel und selbst das Lösen von Kreuzworträtseln muss sie in ihre Liste der aufgegebenen Tätigkeiten aufnehmen, anfänglich dachte sie noch, "sie haben an den Rätseln etwas geändert".#In ihrem Debütroman "Der Kunstmann" (2005) erzählt Gudrun Seidenauer, wie sich ein sogenannter Schreibtischtäter des NS-Regimes nach 1945 eine neue Identität konstruiert, um Karriere zu machen. Literarisch sucht sie nach Antworten auf die Frage, welche Bedeutung Sprache im Zusammenhang von Erinnerung und Gedächtnis hat. In ihrem neuen Roman knüpft sie an diese Frage an und beweist, dass sie eine Autorin ist, die gesellschaftspolitisch verdrängte Themen aufgreifen und sprachlich überzeugend gestalten kann.#Gudrun Seidenauer erzählt in "Aufgetrennte Tage" auf ebenso beklemmende wie berührende Weise vom Verlust des Gedächtnisses als Sprachverlust. Als ihrer Protagonistin Marianne im Krankenhaus das Wort für Nachthemd nicht einfällt, erklärt sie der Schwester: "Weiße Flecken im Kopf, wissen Sie, wie auf einer Landkarte." Nicht nur an dieser Stelle drängen sich Fragen darüber auf, ob und was eine körperlich-medizinische Krankheit mit individuellen und gesellschaftlichen Verdrängungsprozessen verbindet?#Hermann ist tot, er ist über die Stiege gestürzt, Tochter Friederike zweifelt an der Unfallvariante, sie hält eine Beteiligung der Mutter für möglich. Bis zur Matura hat die Tochter im elterlichen Haus erlebt, dass Familie keine Idylle ist. Gleich danach ist sie ausgezogen, hat studiert, den Musiklehrer Jakob geheiratet, mit dem sie in einer partnerschaftlichen Beziehung lebt, die als nicht ganz ungefährdetes Gegenmodell beschrieben wird. Friederike arbeitet in einer Bibliothek und wird nach 17 Jahren und dem Tod des Vaters mit der für sie schon abgeschlossen geglaubten Familiengeschichte konfrontiert. Sie fragt sich angesichts des Abschieds von den Eltern: "Vielleicht war unser Zusammenleben von Anfang an ein Voneinanderwegtreiben gewesen." Mit dem Vater verbindet sie Nähe, mit der kranken Mutter wird nach seinem Tod die Entfremdung überdeutlich.#Gudrun Seidenauer, deren Mutter an Alzheimer gestorben ist, erzählt die zwölf Kapitel ihres Romans aus wechselnden Perspektiven, der Ich-Perspektive der Tochter und der dritten Person und Innenperspektive der Mutter. Die literarische Distanz ermöglicht es, Erinnerungen und Geschichten der beiden Generationen ebenso behutsam wie schonungslos zu verknüpfen. Während Marianne sich über die Unordnung und den Ungehorsam ihrer erwachsenen "Kleinen" aufregt, verzweifelt Friederike am terroristischen Ordnungswahn der Mutter: "Marianne hasst putzen. Es ist einfach so, dass sie Dreck nicht erträgt. Ganze Jahrzehnte erscheinen ihr als eine endlose Reihe von Putzarbeiten."#Nüchtern und lakonisch beschreibt Gudrun Seidenauer den Zusammenhang von Ordnungs- und Putzwahn der Nachkriegsgeneration von Frauen, die dazu noch eine Geschichte der Heimatlosigkeit und des "Herumgetriebenwerdens" verdrängen mussten. Marianne ist in Südtirol geboren, die Eltern optieren für Deutschland und übersiedeln 1941 nach Mähren, wo sie als Besatzer ein Haus erwerben, aus dem sie nach dem Krieg vertrieben werden und in einem Lager in Salzburg landen. Der Vater ist tot, Mutter und Tochter kehren für zehn Jahre nach Bozen zurück. Doch während des Aufenthalts in Salzburg lernen sich der Bauarbeiter Hermann und Marianne kennen. Er verspricht ihr den Bau eines Hauses und die Heirat. Zehn Jahre später bezieht das Ehepaar das Eigenheim, Tochter Friederike wird geboren, die Fremdheit bleibt bestehen, eine gemeinsame Sprache gibt es nicht.#Jahre später sind die Bereiche stillschweigend getrennt, selbst der Garten ist geteilt: die Blumen gehören ihr, das Obst ihm. Da ihr die Küche gehört, muss sie natürlich das Obst zu Marmelade einkochen. Und die Marmelade, die gehört dann wieder ihr. Kurz vor ihrer stationären Einweisung ins Pflegeheim putzt Marianne das Stiegengeländer ihres Hauses mit Marmelade. Sie weiß längst nicht mehr, "wann sie aufgehört hat, nach den Wörtern zu suchen, die er verstanden hätte." Hermann tyrannisiert seine Familie mit Wutanfällen, vor denen sich Mutter und Tochter fürchten. Seine Sprachlosigkeit artikuliert sich in gewalttätigen Aktionen, bei dem nicht nur Geschirr zu Bruch geht.#Marianne hat sich nie zwischen Gehen und Bleiben entscheiden können. Ihr Ordnungssystem war "ein nie zu Ende gebautes Luftschloss mit unzähligen Türmchen, Erkern und Balkonen, mit dem sie ihr Leben füllte". Marianne schweigt, versteinert, verliert die deutschen Worte, während manche italienischen Worte wieder auftauchen. Doch im Prozess ihrer Demenz brechen sich manche unausgesprochene Worte Bahn, schließlich bezeichnet sie sowohl alle Männer (mit Ausnahme von Jakob) als auch die Tochter als "dreckig". Es ist der Schmutz und die Unordnung, gegen die Marianne ein Leben lang kämpft und gegen die sich ihre Energie richtet: "Hermanns Kleider hat sie wunderbar in Ordnung gehalten. Mit ihm ist es ihr nicht gelungen."#Gudrun Seidenauer beschreibt ebenso nüchtern wie poetisch das Inferno der Kleinfamilie und ihrer verdrängten Vergangenheit. So knapp und so präzise wie in ihrem jüngsten Roman "Aufgetrennte Tage" wurde selten die Verflechtung der Geschichte einer Familie, einer Krankheit und der Nachkriegszeit erzählt.