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Staubzunge

Bezeichnung Wert
Titel
Staubzunge
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Hanna Sukare
Medienart
Sprache
Person
Verlag
Ort
Salzburg
Jahr
Umfang
167 S.
ISBN13
978-3-7013-1232-0
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Maria Schmuckermair; #Sehr spät reflektieren die Geschwister Matthias und Adele ihre Kindheit und die Biografien ihrer Eltern. (DR)#Matti und Deli wachsen in einem kleinen deutschen Dorf stark abgeschottet von der Dorfgemeinschaft auf. Sie sprechen nicht den regionalen Dialekt, sie kommen aus Österreich und ihr Vater ist ein strenger, in seiner Autorität unantastbarer Pfarrer aus der evangelischen Herrenhuter Gemeinde. Dass Vater Fau und Mutter Jad ein ganz anderes Leben vor ihrem Pastorendasein hatten, interessiert die Kinder vorerst gar nicht. Das Einleitungskapitel schildert die Jugendjahre von Matthias und Adele, geprägt von strenger Religiosität und wenig familiärer Wärme. In den folgenden Kapiteln kommen Adele und Matthias' Frau Gitti in der Ich-Form zu Wort. Adele erzählt von ihren Nachforschungen, die sie nach dem Tod der Mutter in deren polnischer Heimat Lodz angestellt hat. Gitti gibt Einblick in die distanzierte, schwierige Ehe mit Matthias, den sie immer nur bei seinem Familiennamen Röhricht nennt. Dazwischen sind in Er-Form Kapitel eingeschoben, die aus dem Blickwinkel von Jads Mutter Magdalena oder von Jads jüngerer Schwester Frantzek die Romanhandlung vorantreiben. Der abschließende Teil ist Janinas Erzählung gewidmet. Sie ist, wie sich herausstellt, eine polnische Verwandte.#Die verschachtelte Erzählstruktur macht die Rezeption nicht ganz einfach, ist aber gleichzeitig auch ein gutes Bild für die Verworrenheit der mitteleuropäischen Geschichte im 20. Jh. und dieser speziellen Familiengeschichte im Besonderen. Etwa wenn es um Lodz/Litzmannstadt geht, wo die Einwohner in Deutsche, Polen und Juden sortiert werden, oder um die spätere Flucht Magdalenas mit den Kindern vor der Roten Armee nach Westen, die sie schließlich nach Bad Ischl bringt. Ferner, wenn es um die Ursachenforschung geht, warum menschliche Herzen verhärtet erscheinen oder jemand innerlich verstummt. Lesenswert!## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Susanne Schaber; #Schmerzhafte Häutung#Hanna Sukares Roman ist Familiengeheimnissen auf der Spur#Alle haben einen Vater, und fast alle einen, den man angreifen und einfach lieben kann. Nur bei Matthias ist das anders. Gleich zwei Väter wachen über ihn, von weit entfernt. Da ist der irdische Vater, ein unbeugsamer, unnahbarer Mann, Pastor in einem süddeutschen Dorf. Und da ist der Vater im Himmel, vollends unerreichbar, aber dafür umso strenger mit der Vielzahl seiner Direktiven. "Beide Väter sind Gesetz." Beiden gilt es zu dienen.#Staubzunge nennt Hanna Sukare ihren zweiten Roman. Der Titel ist Programm: Es geht ums Reden und Verschweigen, um Grundsätze, Amts- und Beichtgeheimnisse - und um Lügen in Zeiten des Krieges und in den Jahrzehnten danach.#Matthias Röhricht ringt mit sich selbst. Er ist ein Mensch, der keinen Boden unter den Füßen spürt, weil er sich immer angepasst und dabei das Wesen seiner selbst verloren hat. Seine Kindheit war ein Drama. Oder besser - ein Kammerspiel mit vier Hauptdarstellern: Vater Fau und Mutter Jad geben das tadellose evangelisch-freikirchliche Pastoren-Paar. "Die Heimat der beiden ist das Reich Gottes." Und so soll es auch für ihre Kinder sein, den Sohn Matthias und die Tochter Adele. Die Zügel sind straff gespannt, die Familie präsentiert sich als Vorzeigemodell christlicher Lebensart. Bloß nichts in Frage stellen, so die Devise. In den Bibelrunden üben sich Vater und Mutter Röhricht in der Auslegung von Texten und fühlen sich frei, die Heilige Schrift nach allen Regeln der Rhetorik zu diskutieren und interpretieren. Doch in den eigenen vier Wänden verbietet man den Sprösslingen das Wort. "Die Eltern sind sich einig. Disziplin soll die zweite Haut der Kinder werden. Die wächst ihnen durch Gehorsam. Keine Widerrede! Die Mutter überwacht die Schritte der Kinder, Fehltritte berichtet die Mutter dem Vater. Eine undurchdringliche Front."#Hanna Sukare beschreibt die Gewaltherrschaft des Pastorenpaares in einer sehr klaren Sprache, fast schon in der Art eines Polizei­berichts. Was man darin liest, klingt schauerlich: Bei kleinsten Vergehen wird Matthias ins Badezimmer zitiert. Dort warten eine rote Plastikwanne mit kaltem Wasser und eine Rute aus braunem Leder. "Leistet das Kind nach der Reitgertenpredigt nicht glaubwürdig Abbitte, geht sein Kopf in die Schüssel. Das Kind verschweigt, was es sieht, wenn der Kopf wieder auftaucht." Es duckt sich, geht in die innere Emigration und bricht erst aus, als es zum älteren Mann geworden ist.#Gudrun Ensslin, Ingmar Bergmann und Vincent van Gogh, Gotthold Ephraim Lessing, Jean Paul oder Jakob Michael Reinhold Lenz: Die Listen der Pastorenkinder sind lang, und die Persönlichkeiten, die diesem Umfeld entstammen, oft spannende Charaktere. Etliche von ihnen haben den Aufstand geprobt. Aus nachvollziehbaren Gründen. Pastorenfamilien standen laufend auf dem Prüfstand: Ist der Rasen im Garten ebenso akkurat geschnitten wie das Haar des Nachwuchses, sind die Kleider des Ehepaares dezent, die Schuhe geputzt? Und herrscht Ruhe im Haus: Kein lautes Wort darf nach außen dringen, kein Streit, kein Zeichen der Unbotmäßigkeit. Bei so viel Druck und Unterdrückung wird der Wille, sich politisch oder künstlerisch aufzulehnen nur umso heftiger.#Als Matthias Röhricht gegen den Vater rebelliert, ist er längst erwachsen: ein erfolgreicher Manager, verheiratet, Vater zweier Töchter. Nach außen hin ein taffer Feldherr, der den Konzern durch stürmische Zeiten dirigiert, im Schlafzimmer ein weinerliches, schwaches Kind. Der Kontakt mit seinen Eltern beschränkt sich aufs Nötigste: ein Besuch im Jahr, auf wenige Stunden begrenzt. Die Auseinandersetzung mit dem greisen Vater misslingt. Auf den 16-seitigen Brief des Sohnes antwortet der redegewandte Pastor mit einer kurzen Postkarte.#Das könnte nun als literarische Anklageschrift daherkommen. Doch so einfach macht es sich Hanna Sukare nicht. Sie schildert die Familiengeschichte aus mehreren Perspektiven und führt auf diese Weise vor, mit welchen inneren Nöten die einzelnen Figuren kämpfen und wie sehr sie in ihren Verletzungen erstarrt sind. Fast jeder der neun Abschnitte des Romans hat einen anderen Tonfall und damit auch einen anderen Zugang zur eigenen Biographie. Erst langsam setzt sich der Ansatz eines Bildes zusammen.#Matthias steckt den Kopf in den Sand, Tochter Adele macht sich gleich nach Jads Tod auf die Spur gut verdrängter Geheimnisse. Sie bemerkt Widersprüchlichkeiten und falsche Aussagen in den mütter­lichen Erzählungen und erinnert sich an Jads abwehrende Haltungen: nur nichts mehr hören wollen von der Vergangenheit, auch nichts vom Schicksal der Vertriebenen und der Juden.#Die Ressentiments reichen in ein früheres Leben zurück. Nach und nach erfährt Adele, wer ihre Mutter wirklich war: Geboren in Lódz´, flüchtete sie sich nach der Besetzung Polens in die Arme des Deutschen Arbeitsdiensts, während sich ein Teil der Verwandtschaft für Polen entschied und der NS-Herrschaft kritisch begegnete. Für Jad begann ein neuer Alltag, mit einem detaillierten System an Grundsätzen und Regeln. Das gab ihr Sicherheit und Selbstvertrauen. "Wir dulden weder Miesmacher noch Meckerer, keine Zweifler oder Besserwisser. Unsere Tugenden heißen Gehorsam und innere Zucht", hörte sie. "Am Ende eurer Dienstzeit werdet ihr dieses Lager als pflichttreue, fröhliche Mitglieder der Deutschen Volksgemeinschaft verlassen. Wo ihr seid, soll die Sonne scheinen."#Das Thema Lebenslüge zeigt sich als Leitmotiv des Buches, das sich nur langsam nach vorne bewegt. Die Behutsamkeit der Autorin ist zu spüren, ihre Scheu, festzuschreiben, was schwer fassbar ist. Die Vorsicht wirkt wohltuend und wird zum dramaturgischen Prinzip. Erst nach und nach erkennt man die Verbindungen zwischen den Personen und damit auch die Verstrickungen. Jads erste Liebe zu einem deutschen Soldaten, die tragisch endet, die Flucht aus Polen, als die Front näher rückt, die Jahre in Bad Ischl, die Annäherung an die Freikirchler: neuerlich eine straff organisierte Gemeinschaft. "Jad heiratet in ein geistliches Amt ein. Sie ist kein Flüchtling mehr, sie hat die Sprache gewechselt und die Religion, sie wird Frau Pastor Röhricht, und der Talar ihres Gatten tarnt auch sie."#Es bleiben Leerstellen zurück, erkennt die Tochter. Auch in Hanna Sukares Roman ist das so. Dort tun sie gut (weshalb man sich auch einen etwas weniger didaktischen Schluss gewünscht hätte). Der Schatten von Krieg und Diktatur ist ein schweres Erbe für Kinder und Kindeskinder. Er ragt weit in die Gegenwart hinein. Die Last der nationalsozialistischen Ideologie und der Wunsch vieler Menschen, sich in festen Strukturen und Leitlinien zu bergen: Das sind anspruchsvolle Sujets, denen die Autorin stimmig und sprachlich gewandt begegnet.#"Eine Bekehrung zieht die alte Haut ab", heißt es in der Staubzunge ganz lapidar, "verwandelt Lebensjahre in ein leeres Blatt." Hanna Sukares Roman sucht das leere Blatt in ein Buch einzubinden. Es gelingt.