Stadtbücherei Bruck an der Mur

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Leben spielen

Bezeichnung Wert
Titel
Leben spielen
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Kossdorff, Jan
Medienart
Sprache
Person
Verlag
Ort
Wien
Jahr
Umfang
381 S.
ISBN10
3-552-06312-9
ISBN13
978-3-552-06312-9
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); Autor: Sonja Unterpertinger; Das Leben, wie es spielt: Freundschaft, Liebe, Lust und Frust rund um eine kleine Schauspielertruppe. (DR) Der Schauspieler Sebastian, müde von den vielen Castings und den mangelnden beruflichen Erfolgen, entdeckt das Schauspielen neu: Abseits der Bühne will er Menschen ermöglichen, in eine andere Rolle zu schlüpfen und sich damit neu zu entdecken. Zusammen mit seinem Kollegen Mischa, der die Schauspielkunst eigentlich hinter sich lassen wollte, und dessen Freundin Valerie, die bisher keine Bühnenerfahrung hatte, wagt er ein neues Geschäftsmodell. Sie bieten ihren Kunden die Möglichkeit, Vergangenes erneut zu erleben, die Rolle ihres Helden einzunehmen oder mitzuerleben, wie sich die eigenen Eltern kennengelernt haben. Zwischen all diesen Aufträgen suchen die Darsteller nach Liebe und Familie, aber vor allem nach sich selbst und ihrem Platz im Leben. Verbindend ist neben der Schauspielerei auch die Freundschaft, die die drei zusammenhält. Die Geschichte ist kurzweilig und unterhaltsam geschrieben, allerdings fehlt es den Figuren an charakterlicher Tiefe. Kurzweiliger Lesestoff; wer aber anspruchsvollere Lektüre erwartet, ist hier fehl am Platz. ---- Quelle: Literatur und Kritik; Autor: Klaus Zeyringer; Im Seichten verspielt Jan Kossdorff macht mit bekannten Mustern auf dünne Unterhaltung Zu sein ist zu spielen", gibt die Hauptfigur die Weisheit seines verehrten Schauspiellehrers weiter und führt aus: "Wir alle spielen eine Rolle" - und so weiter im Roman Leben spielen von Jan Kossdorff. Wir sind in Wien, die Zeit ist heute. In Wien, wo seit dem 18. Jahrhundert mehr als anderswo die Inszenierung zählt, war insbesondere durch das "Volkstheater" und seine Rezeption ersichtlich, wie das Leben ins Theater und das Theater ins Leben hineinspielte. Die Großen der Moderne boten im Fin de Siècle dazu mit oft und oft zitierten Worten ihre Gesellschaftseinsicht: "Also spielen wir Theater, spielen unsre eignen Stücke", "Das Leben ist ein Spiel, wer es weiß, ist klug". Mittlerweile ist dies wohl Allgemeinwissen, von dem man nicht ohne weiteres auf Klugheit schließen sollte. Im Roman des zweiundvierzigjährigen Jan Kossdorff, der in Wien und Altmünster lebt, ist derlei eher seichtes Unterhaltungswissen, das Tiefsinn simuliert. Passend zu Plot und Sprache, die der Drehbuchautor, Journalist und Werbetexter kaum von seinem üblichen Schreibwerk abzusetzen vermag. Die Geschichte dreht sich um zwei Schauspieler und ihre Partnerinnen. Mischa steigt aus Beruf, somit aus scheinbarer Berufung, aus, verkauft "Anzeigenfläche für eine bunte Wochenzeitung", beginnt eine Liebesbeziehung mit Valerie, die in einem Blumenladen arbeitet, nachdem sie andere Lebensrollen probiert hat. Die Bühne sind natürlich die guten Bobo-Bezirke, dort gibt Mischa den Mimen, der "eine Gabe" haben soll, jedoch nicht mehr spielen, dann doch wieder spielen will, weil ihn der Beatles-Song "Across the Universe" umtreibt. Sebastian war in derselben, fast sektenhaften Gruppe des Schauspiellehrers, müht sich in Werbespots und Boulevard­komödien, auch als Teilzeitvater ab - bis er eine Geschäftsidee hat. Mit Mischa gründet er eine Truppe, die Auftraggebern deren Wunschinszenierung sowie die Hauptrolle darin bietet. Der reiche Mr. Freedman, ein ins Exil vertriebener Wiener, erlebt entscheidende Szenen seiner ungelebten Liebe nachgespielt; ein junger Großwinzer kann als James Bond im Exotischen brillieren, ein dubioser Bankrotteur als Huckleberry Finn auf einer Donauinsel; in einem mit passendem Dekor und entsprechenden Statisten versehenen Wiener Antiquariat versetzt sich eine Frau in einen berühmten Pariser Buchladen der fünfziger Jahre. "Was spielen Sie mit mir?", fragt die Journalistin, die einen Bericht über das Unternehmen schreibt. "Was Sie wollen", antwortet Mischa: "Wir können den schönsten Tag Ihres Lebens nachspielen oder Ihren schlimmsten - aber dieses Mal mit einem guten Ende. Sie können in jeder Szene jedes Films, der je gedreht wurde, die Hauptrolle spielen." In unserer Welt der Simulation verkauft dieses Theatergeschäft jedwede persönliche Simulation. Kossdorffs Idee ist interessant, erzeugt jedoch nicht viel mehr als Theaterdonner. Dazu mischt er die üblichen Beziehungsgeschichten mit ein paar Prisen Küchenphilosophie. "Wann immer ich eine Veränderung in meinem Leben vollziehe, bedeutet sie den Verlust von Menschen!" Darauf der Freund: "Das waren jetzt sehr große Erkenntnisse." Auf diesem Niveau gängiger TV-Drehbücher bewegen sich viele Dialoge im Roman. Ein Merkmal mangelnder sprachlicher und gedanklicher Genauigkeit ist die gehäufte unnötige Verwendung des Partikels "irgend-", das eben gerade nichts präzisiert: "Irgendwann später gingen sie in eine Kneipe", besuchen "irgendeine Bar", fahren "irgendwohin raus", bis es ihnen "irgendwo passt" (S. 25 und 26). Vollends ungeschickte Formulierungen häuft Kossdorff in einigen Passagen: Da "saßen ein Haufen Leute", ist das Zimmer "voll mit Studierenden" (das Partizip Präsens bedeutet eine Aktion in der Gegenwart - Studenten auf einer Party sind nicht "Studierende"). Dazu klappern die Phrasen: Ein "Blick bohrt sich gebannt in eine Ecke"; eine Frau "legt letzte Hand an ihre Haare an"; die Liebende beschließt, ihrem Geliebten "einen Besuch abzustatten"; "Applaus bricht aus". Die vom Klappentext behaupteten "feinen Zwischentöne" sind das nicht. Ein nebensächlicher, allerdings ärgerlicher Lapsus unterläuft Kossdorff in Bezug auf Mr. Freedman, den Genre-Exilanten aus Hollywood. Von ihm, der unter Lebensgefahr vertrieben worden war, heißt es, 1951 sei er in ein Wien zurückgekehrt, "das für ihn ein Ort war, der unverdorben war". Bei all den Exil- und Remigrations-Situationen: Das nicht! Den Unterschied zwischen Sprachkunst und flachem Unterhaltungsroman mag im Kern gleich der erste Satz zeigen (zugegeben, folgender Vergleich mag unangemessen sein, die Ähnlichkeit jedoch ist frappant). "Einige Wochen nach seinem fünfunddreißigsten Geburtstag hörte Mischa auf, Schauspieler zu sein." Der vierte Teil in Daniel Kehlmanns Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten (2009) bringt zu Beginn in ungewöhnlicher Wendung etwas ins Schwingen, das unsereiner ergründet wissen möchte, und passt zudem in das erzähltechnisch originelle Gesamtkonzept: "Im Frühsommer seines neununddreißigsten Jahres wurde der Schauspieler Ralph Tanner sich selbst unwirklich." Vonwegen Unterhaltung: Immerhin steigert sich der Plot, nach einem langwierigen Mittelteil diverser Ego-Inszenierungen wird die Geschichte dramatisch. Und am Ende sitzen alle Ensembles wohlig beim Heurigen, man zwinkert einander zu, die Weinseligkeit setzt ein. Wien bleibt Wien.
BEMERKUNG
Katalogisat importiert von: Rezensionen online open (inkl. Stadtbib. Salzburg)
Übersetzung
Deutsch
Trägermedium
Band