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Inventurdifferenz

Bezeichnung Wert
Titel
Inventurdifferenz
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Britta Mühlbauer
Medienart
Sprache
Person
Verlag
Ort
Wien
Jahr
Umfang
377 S.
ISBN13
978-3-552-06227-6
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Angela Zemanek-Hackl; #Ein sachlicher Titel für eine menschlich-sympathische, manchmal kühle, aber auch wütende und bis ins Brutale reichende Geschichte. (DR)#Marlies Wolf, mit einem Feuermal gekennzeichnet, hat sich immer schon gegen Angriffe aufgrund ihres Äußeren wehren müssen. Sie hat sich gewappnet und ist nun Mitarbeiterin einer Security-Firma. Weil in einem Baumarkt Diebstähle, die sogenannte titelgebende Inventurdifferenz, auftreten, wird Marlies engagiert, um undercover zu beobachten, wer dafür verantwortlich ist. Dass die Baumarktchefin Hanna eine Feministin ist und bevorzugt Frauen einstellt, ist nicht jedem angenehm. Auch Valerie, eine alte Schulfreundin, kreuzt Marlies' Weg. Valerie ist mit Alex, einer weiteren Figur aus ihrer gemeinsamen Kindheit, zusammen. Er ist nach wie vor eine eher zwielichtige Erscheinung. Valeries Mutter wiederum ist mit Hanna befreundet und auf dem Sprung, arbeitslos oder selbstständig zu werden.#Jede der Frauen lebt in einer unbefriedigenden Beziehung und die Lebens- und Arbeitssituation könnte besser mit den jeweiligen Wünschen übereinstimmen. Alex scheint mit einer Mädchenhändlerbande gemeinsame Sache zu machen, was schlussendlich beinahe Valeries Leben fordert. Marlies greift zur Selbstjustiz und lebt ihre Wut aus...#Der Roman ist in zwei Zeit- und Regionalebenen gegliedert. Marlies sucht Hanna in Mittelamerika - lange ist nicht klar, warum. Stück für Stück entblößt die Autorin Teile der Geschichte und so ist es immer spannend und zeitweilig erschreckend, was sich hinter den Leben der Handelnden verbirgt. Die Autorin schreibt ihre Botschaft über die Situation der Frauen sehr geschickt und eindringlich in jede der Frauenfiguren ein, die Konsequenz von Marlies scheint sachlich korrekt und ist doch unwiederbringlich ernst und fatal. Ein Thriller, der sehr viel mehr ist und Schritt für Schritt die LeserInnen fesselt.## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Evelyne Polt-Heinzl; #Wer die Männer sind#Britta Mühlbauers Roman "Inventurdifferenz"#Man könnte den Romantitel zunächst einmal als Aufforderung nehmen, nach der "Inventurdifferenz" in Literaturkritik und Rezeption von Britta Mühlbauers erstem Roman zu fragen. Eigentlich ist der Literatur­betrieb seit zwei Jahrzehnten literarischen Debüts gegenüber so offen, ja hungrig, wie selten zuvor. Ein literarisches Talent nach dem anderen wird ausgerufen, fast kein Verlag verzichtet darauf, Saison für Saison zumindest ein Debüt zu präsentieren, und die Literaturkritik geht willig darauf ein und spart oft nicht mit sensationierenden Beiwörtern. Bei Britta Mühlbauer war das anders. Als 2008 ihr Debütroman Lebenslänglich erschien, hat kaum einer hingesehen.#War es das Thema? Lebenslänglich attackiert die Leitwerte unseres Lifestyles: der fitte, jugendliche Körper als Ziel, das in die Eigenverantwortung jedes Einzelnen verlagert wird und damit die Frage nach den Lebensbedingungen, die die Gesellschaft ihren Mitgliedern bereitstellt oder zumutet, so wunderbar übertüncht, dass keiner mehr danach fragt - außer einer Autorin wie Britta Mühlbauer. Und auch wenn sie es sprachlich leichtfüßig getan hat, schon die Frage ist unangenehm. Viel problemloser konsumierbar sind da Bücher aus der Ecke des hahnebüchenen Revivals vom urigen Landleben, das es in Mitteleuropa kaum mehr gibt, ist ja alles längst zersiedelt oder in günstiges Betriebsansiedlungsgebiet umgewidmet, wobei niemand daran denkt, das in die Datenbank staatlicher Transferleistungen einzubeziehen. Und marktgängiger sind natürlich auch die vielen Krimis, am besten wohl sortiert nach Regionen oder Berufsgruppen, da weiß man, was man bekommt und wem man's schenken kann.#So oder so ähnlich könnte man sich die Inventurdifferenz der Kritikerreaktionen bei Mühlbauers Debüt erklären. Und nun kommt das zweite Buch, das eine Art Krimi ist, durchaus mit Lokalkolorit: Die Verbrechen ereignen sich in und um die Wiener Kleingartensiedlung auf der Schmelz. Auf den verkaufsfördernden Untertitel hat die Autorin wohlweislich verzichtet, auch "Inventurdifferenz" ist ein Roman über Problemzonen unserer Lebensrealität.#Er führt in das Milieu der Sicherheitsindustrie - ein blühendes Gewerbe, mit dubiosem Image. In dieser Branche geht es martialisch zu, das lockt entsprechendes Personal an: physisch fit und psychisch kaputt. Es ist nicht verwunderlich, dass die rasante Privatisierung des Sicherheitssektors, mit der sich der Staat aus einem besonders sensiblen Aufgabenbereich per Outsourcing zurückzieht, auch die Literatur beschäftigt. Selbst eine weibliche Security-Mitarbeiterin hat es als Protagonistin schon gegeben: Amy in Marlene Streeruwitz' Roman Die Schmerzmacherin im Jahr 2011. Das Spektakuläre kam hier vor allem aus der Verschmelzung von Sicherheits­industrie und organisierter Kriminalität.#Marlies Wolf, die Hauptfigur bei Britta Mühlbauer, arbeitet hingegen realitätsnäher in einer eher konventionellen Sicherheitsfirma, befasst mit Aufgaben des Objekt- und Personenschutzes, Ordnungsdiensten bei Großveranstaltungen und ähnlichen Routinedingen; Wachdienst in Schubhaftzentren ist hier noch kein Thema, die kleine Firma pflegt auch kein Naheverhältnis zum Innenministerium. Marlies jedenfalls bringt die ideale Voraussetzung für das Gewerbe mit: eine prinzipielle Gewaltbereitschaft. Der Zorn, der sie oft tourettesyndromartig überflutet, kommt gleichsam aus ihrem Körper. Gezeichnet mit einem Blutschwamm, der eine Gesichtshälfte wie mit einer Brandwunde überzieht, hat sie früh gelernt, zur Selbstjustiz zu greifen, wenn Spott und Hohn sie trafen. Ohnmächtig war ihr Zorn nie. Das blieb nicht ohne Folgen - einige Körperdelikte pflastern ihren Weg, was ihr Leben früh zerstört oder zumindest geprägt hat: Schulabbruch, Ausbildung in einer Kampfsportart, was ihr half, ihren Gefühlshaushalt zu kontrollieren oder eigentlich zur Emotionslosigkeit herunterzudimmen, und schließlich der Job in der Sicherheitsfirma. Marlies glaubt sich mit ihrem Leben zufrieden und mit sich selbst im Einklang. Psychohygiene organisiert sie sich nicht über Sozialkontakte, sondern beim Workout oder am Schießstand.#Der Auftrag, in einer Baumarktfiliale die Inventurdifferenz aufzuklären, also den Schwund-Wegen, sprich Diebstählen nachzugehen, konfrontiert Marlies mit einem völlig anderen Lebensmodell. Auch die Filialleiterin Hanna kennt den alles überflutenden Zorn, ihrer richtet sich gegen alle Formen von Frauendiskriminierung. Das hat ihr die Universitätskarriere gekos­tet. Als Filialleiterin versucht sie nun eine Art soziales Biotop zu etablieren, in dem die Gesetze der Männerwelt nicht gelten sollen. Ein Baumarkt ist dafür ein schwieriges Terrain, der Feinde sind viele, aber Hanna ist tüchtig und sie hat gelernt, ihren Zorn zu kontrollieren.#Durch Hanna begegnet Marlies ihrer einzigen Kindheitsfreundin Valerie wieder, denn Hanna hat sich mit Valeries Mutter Lilo befreundet. Marlies' Anhänglichkeit an Valerie ist ungebrochen, aber mittlerweile eher einseitig - und damit beginnen für Marlies die Probleme, und auch das Krimigeschehen hat mit dieser Wiederbegegnung zu tun. Es lässt am Ende Valerie als traumatisiertes Opfer einer brutalen Gruppenvergewaltigung zurück und veranlasst Marlies zu einem spektakulären Racheakt. Er darf unentdeckt bleiben, aber nicht ungesühnt.#Als Beichtmutter wählt sich Marlies Hanna, ihr will sie von der Tat erzählen, von ihr in guter katholischer Tradition die Absolution erhalten, auch weil sie Hanna unterschwellig eine Art Mitverantwortung aufbürden will. Denn so abgebrüht, wie sie gerne wäre, ist Marlies keineswegs. "Frauen leben in einer permanenten Inventurdifferenz", sagt Hanna einmal, und es ist ihre Sozialkompetenz, die Marlies anzieht und ihr selbst so schmerzlich fehlt, sie ist zwar klug und intelligent, aber unglücklich. Wenn das Denken sich auf strategische Termini der Observation konzentriert und Menschen zu Zielpersonen werden, lassen sich emotionale Bindungen schwer aufbauen.#Eigentlich, und das war bei Britta Mühlbaurs Debütroman nicht anders, ist die Oberflächenhandlung nicht das Zentrale an diesem Buch. Es sind die vielen kleinen und verborgenen Miniaturberichte über den Zustand unserer Gesellschaft und das Zusammenleben der Menschen, die das Spannende ausmachen. Marlies ist eine genaue und gnadenlose Beobachterin, und ihre Autorin hat ein besonderes Talent zur Analyse von kleinen Sozial­biotopen mit sprachlich knappen Mitteln, sei es ein Vorstadtcafé, die Belegschaft im Baumarkt oder eine Party im Schrebergarten. Freilich ist es immer der Blick von Marlies, der hier beobachtet, dass alles "stimmt", was und wie sie es sieht und interpretiert, ist keineswegs ausgemacht.#Manches muss man sich auch selbst zusammenfügen, etwa Valeries Lebenskatastrophe. Die Erfahrung eines Scheidungskindes und die wechselnden Partner ihrer Mutter haben eine Reihe von Folgekosten: den ungesunden Rollentausch im Mutter-Tochter-Verhältnis, den Zwang, sich das Leben schwer zu machen, also Russisch lernen und Physik studieren, um sich - bzw. dem abwesenden Vater - die eigene Tüchtigkeit zu beweisen, und, besonders verhängnisvoll, die lebenslange Neigung zu wesentlich älteren, "väterlichen" Männerfiguren, die physisch oder auch nur psychisch absente Väter in den Töchtern so häufig hinterlassen. Die Eltern-Kind-Beziehung ist im Übrigen bei allen Figuren des Romans prekär: Lilo kommt mit dem eigenen Leben nicht zurecht, Marlies' Mutter ist - wenn man ihrer Sicht glauben will - völlig verständnislos, und die Eltern von Hanna sind lieblos egomane Intellektuelle.#Oft sind es Nebensätze, die ganze Schicksale erzählen. Marlies' Mutter etwa ist durchaus erfolgreich ins Leben gestartet: sie war Empfangschefin in einem Londoner Hotel, wurde schwanger, Vater unbekannt, und landete schlussendlich in Teesdorf, in einem kleinbürgerlichen Ehehafen mit dem unermüdlichen Heimwerker Norbert. Dass Norbert, erpresst von den Eltern eines Mitschülers, den Marlies einst übel zugerichtet hat, schließlich das Haus verkaufen und in eine Mietwohnung ziehen muss, wo er mangels realisierbarer Bauvorhaben vor dem Fernseher versauert, erweckt zumindest phasenweise Marlies' Mitgefühl, das Schicksal ihrer Mutter hingegen keine Sekunde.#Am Ende sind es Lilo und Hanna, die Vertreterinnen der Mütter-Generation, die einen für sie idealen Partner finden. Lilos neue Liebe, der Polizist Georg Hanscher, kann vielleicht weniger überzeugen, Hanna aber tut sich mit Ralf Tanner zusammen, einen radikalen Aussteiger, der als eine Art Sandler lebt. Das scheint die einzige männliche Sozialrolle, die mit Hannas Ansprüchen an eine Partnerschaft kompatibel ist, wobei auch eine Portion Sozialromantik mitschwingen mag.#Spektakulär ist der Romanauftakt. Eine Taxifahrt in einer No-Name-City mit Westerncharakter, eine Frau, es ist Marlies, ein Chauffeur, ein ganz normales Anbaggergespräch - und eine nicht ausgelebte, aber überraschend aggressive Gewaltphantasie auf Seiten der Frau. Sie steht nicht im luftleeren Raum und hat eine lebenslange Vorgeschichte in den ganz alltäglichen und oft schwer greifbaren Erfahrungen mit sexistischem Verhalten. "Er wusste, was sexuelle Belästigung ist, er kannte die Grenzen. Dennoch kam ich mir am Ende des Gesprächs genötigt und betatscht vor", so erinnert Marlies ihr Einstellungsgespräch mit Siggi, dem Chef der Sicherheitsfirma. "Als ich sein Büro verließ, fragte ich mich, ob ich mir alles nur eingebildet hatte."#Das ist eine zentrale Frage oder eigentlich ein unlösbares Problem: Auch der gerechte Zorn ist ein Zorn und raubt die Luft zum Atmen. Sensibilität für die Schräglagen im Verhältnis zwischen Männern und Frauen macht das Leben schwer. Verbissenheit und Selbstgerechtigkeit lauern in der eigenen Seele, und schmal ist der Grat zur Paranoia. Denn was immer Frau tut, um sich zu wehren, es nützt meist den Männern. Im Traum soll Marlies einen toten Männerkörper auf einen Zaun hieven - sie arbeitet sich mühsam ab, bis der tote Männerkörper plötzlich auf- und davonfliegt. Das wirkt wie eine Bebilderung zur Geschichte Valerie Solanas, deren "Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer" Marlies liest. Als Solanas auf Andy Warhol schoss, der ihr Manuskript verloren hatte, landete sie in der Psychiatrie, während ihr Attentat "Warhols Bekanntheits­grad in den Himmel" schoss. In einer Bar in Mexiko beobachtet Marlies ein Touristenpärchen: Er studiert den Reiseführer, sie tupft sich Sonnencreme auf die Nase. "Ich stelle mir die Situation umgekehrt vor, gebe ihr den Reiseführer in die Hand und schon gähnt er. Sie steigt wieder als die Dumme aus", weil "der Mann ist die Norm, die Frau die Ausnahme". Deshalb hatte Hillary Clinton keine Chance. "Die Männer zuerst, egal welcher Hautfarbe hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine übergangene Frau", ist Marlies' "no, we cannot"-Kommentar zum "yes wie can"-Sieg Barack Obamas.#"Mit der Frauenforschung, wie ich sie verstehe", geht es "zu Ende. Ich bin Geschichte. Ein Fossil. Ich tauge allenfalls als Anschauungsobjekt dafür, wie es nicht mehr gemacht wird." Das sagt die enttäuschte Hanna kurz nach ihrem unfreiwilligen Abgang von der Universität. Damit das nicht vollumfänglich wahr wird, braucht es Romane, die über geschlechtsspezifische Inventurdifferenzen nachdenken. Offen bleibt die Frage nach dem "Recht" auf Selbstjustiz: Das Urteil für die beiden Vergewaltiger und Folterer lautet auf zehn Jahre Haft, und das macht zumindest nachdenklich.