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      <marc:subfield code="a">Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Johannes Preßl; #Die Geschichte einer Frau, die vom Leben alles will: Karriere, Kind und beide als Vater in Frage kommende Männer. (DR)#Die 38-jährige Mezzosopranistin Iris Schiffer steht kurz vor ihrem künstlerischen Durchbruch, als sie unverhofft schwanger wird. Welcher ihrer Liebhaber der Vater ist, weiß sie nicht. In Frage kommen der Sänger Sergio, den Iris sehr liebt und der auch bereit wäre, Verantwortung für das Kind zu übernehmen, sowie der Politiker Ludwig, der aber verheiratet ist und seine gesellschaftliche Stellung nicht gefährden möchte.#Bei Iris steht vorerst die Entscheidung zwischen Kind und Karriere an. Obwohl sie in der bevorstehenden Saison ihr Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera geben soll und ein erster Auftritt bei den Salzburger Festspielen winkt, will sie das Kind unter allen Umständen haben. Sie glaubt, es mit viel Disziplin auch als Alleinerzieherin schaffen zu können.#Andrea Grill hat mit "Cherubino" ein Buch geschrieben, das über weite Strecken mit oberflächlichen Klischees und detailgenau beschriebenen medizinischen Abläufen einer Geburt nervt. Ihre Protagonistin verkörpert jenen Typ Frau, die für sich ein "Fünf-Sterne-all-inclusive-Leben" in Anspruch nimmt, das möglichst alles bieten soll. Dass dabei Begriffe wie "Verantwortung" und "Moral" nicht ins Konzept passen, ist mit ein Grund, warum Grills Buch auch nicht als gelungene Emanzipations-Geschichte durchgeht.## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Annäherung ans Unermessliche#Andrea Grills Roman »Cherubino«#Sängerin sein sei in gewissem Sinn wie Mathematikerin sein, hatte sie Ludwig bei einem ihrer ersten Rendezvous erklärt. Für den Großteil der Menschen stelle das, was sie tat, ein Rätsel dar, nur eine exquisite Gruppe Eingeweihter begreife, wie man Töne aus Partituren liest, hörbar macht, hält. Womöglich ist diese Gruppe sogar kleiner als die derer, die kapieren, wie man sich Formeln ausdenkt, Mathematik ist schließlich ein Pflichtfach an jeder Schule. Ob ihr Beruf dann nicht anstrengend sei und einsam? Das schon, nach einer Pause, in der keiner der beiden die Stille unterbrach, sah sie ihm fest in die Augen, aber dass ich machen kann, was ich mache, ist ein Geschenk, von oben, sie warf den Kopf zurück, oder unten, sie zeigte mit beiden Händen auf den zerkratzten Holzboden des Cafés, in dem sie saßen, lachte schrill.«#Die Frau, die hier spricht, ist Iris Schiffer, die Protagonistin in Andrea Grills jüngstem Roman »Cherubino«. Sie ist Profi-Sängerin, Mezzosopranistin. Die Enddreißigerin lebt in Wien und ist seit einigen Jahren freiberuflich. Eine Fixanstellung an der Oper zu Graz hatte sie, gab diese allerdings auf. Emotional ist sie so gefestigt, dass sie amourös seit Längerem zwischen zwei Männer pendelt. Zwischen Sergio aus dem italienischen Monza, einem nicht ganz uneitlen Tenor, auf der Karriereleiter energisch nach oben strebend  er wird unter anderem von den prestigereichen Bregenzer Festspielen mit ihrer jedes Jahr von Neuem visuell Aufsehen erregenden Bühne auf dem Bodensee für eine Hauptrolle verpflichtet , der um fünf Jahre jünger ist. Und dem zweiten Mann, Ludwig, einem Politiker aus dem Salzkammergut. Dieser ist um vieles älter als sie, um neunzehn Jahre, er ist verheiratet und hat drei fast erwachsene Kinder. Sie ist die Geliebte beider. Und sie liebt beide. Zu unterschiedlichen Zeiten. An unterschiedlichen Orten. Ohne dass die beiden Männer voneinander wissen. Seit ihren Mittzwanzigern ist Iris in ihrem Gefühlsleben nicht mehr monozentriert. Sondern sie gönnte sich Affären und ging längere oder kürzere Beziehungen je nach eigenem Gusto ein, auch parallel. Einmal gestand sie einem Geliebten den Simultanpart, woraufhin es zum jähen und schmerzhaften Beziehungsabbruch kam. Seither verzichtet sie darauf und arrangiert via Kalenderplanung ihr Gefühls- und Geschlechtsleben.#Und dann bekommt sie den Zuschlag für die zwei in ihrer Karriere bisher größten und wichtigsten und reputationsstärksten Auftritte, für die Rolle des Cherubino, des liebestollen Pagen des Grafen Almaviva in Mozarts »Le nozze di figaro«, an der Metropolitan Opera in New York einerseits und andererseits die Hauptrolle in Nicholas Maws motivisch wie stimmungsmäßig vollkommen anders gelagerter Oper »Sophies Choice« nach William Styrons Roman bei den Salzburger Festspielen.#Allerdings stellt sie kurz vor Beginn der Proben in Manhattan fest: Sie ist schwanger. Aber welcher der zwei Geliebten ist der Vater, ist der Kindeserzeuger? »Wen würde sie dem Kind als Vater vorstellen? Sie schob den Gedanken weg, wollte die daran hängende Panik nicht aufkommen lassen. Zuerst kam die nächste ärztliche Untersuchung, dann die nächsten Reisen, Konzerte, die sie zu absolvieren hatte. War das überstanden, würde sie weitersehen.«#Sie hält es in der Schwebe. Zumindest unternimmt sie den Versuch. Und wie soll sie gegenüber ihrer viel älteren, rührigen, nahezu befreundeten Agentin und den Opernhäusern damit umgehen? Sie hält es auch dieser erst einmal ­verborgen. Denn allzu bekannt in der Sangesbranche ist, dass auf Grund arbeitsrechtlicher Regularien Schwan­gere ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr auftreten dürfen. Da sowohl New York als auch Salzburg Iris bisherige Bühnenhöhepunkte zu werden versprechen, wäre das fatal bis karrieretechnisch kontraproduktiv.#Iris kann allerdings die »Figaro«-Proben trotz anfangs betörend törichter Regieeinfälle  und hier wird das Buch zum sanft satirischen Musiktheater- und Schlüsselroman, in dem das so genannte Regietheater karikiert wird wie das konzeptuell-konzeptionslose Gehabe von Regisseurinnen und abseitige, witzfreie und kapriziöse Einfälle von Spielleitern  ebenso eminent absolvieren wie die umjubelten Aufführungen. Emotional schwankt sie in hohen Bahnen, zwischen Euphorie und Beziehungssistieren. Jene zu Sergio beispielsweise, der sich wie ein italienischer Klischeepapa verhält, friert Iris auf den Status einer dis­tanzierten Freundschaft ein, lässt sich dann aber wieder von ihm bezirzen und umgarnen und fasst den Gedanken, dass er eventuell doch ein besserer Kindsvater wäre als der ihr emotional näher stehende Ludwig, der sich allerdings für sie nicht scheiden lassen will.#Die Rolle als Cherubino ist Iris Durchbruch. Sie wird bejubelt, sie wird bekannt, auf der Straße erkannt, von Journalisten interviewt. Und dann nahen die Salzburger Festspiele. Die Auftrittsdaten überschneiden sich laut der Kalkula­tion ihrer Gynäkologin nicht mit der Niederkunft, diese soll etwa zwei Wochen später erfolgen. Und doch wird sie kaltgestellt. Dann exakt eine Woche später wieder inständig gebeten, die Hauptrolle doch zu singen. Denn mittlerweile war ein kurzer Mitschnitt einer von ihr amüsant parodistisch abgewandelten, hochvirtuos interpretierten Mozart-Arie im Internet gepostet worden. Die 3:09 Minuten sind ein viraler Hit mit Zigtausenden von clicks; und Iris ist so zum globalen Star geworden. Und zu einem Marketing-Zugpferd. Daher die Rückkehrbitte. Doch den lange einstudierten Gesangspart verhindern dann die einsetzenden Wehen.#Neun Monate und selbstredend fünf Akte umfasst dieses psychologisch subtile Buch. Musik, heißt es an einer Stelle in Cherubino, »hat, wenn du es so nennen willst, etwas mit dem Göttlichen zu tun, in der Mathematik muss es ähnlich sein, wenn sie über das kaufmännische Addieren und Dividieren hinausgeht, du näherst dich in diesen Berufen dem Unermesslichen an.#Er hatte sie angesehen, sein Sakko gerichtet, als hätte er sich ungeschickt hingesetzt und fürchtete, es zu zerknittern; ihr Herz hatte schneller geklopft. Nachdem sie auseinandergegangen waren, hatte sie weiche Knie bekommen, musste sich auf eine Parkbank setzen.« Nahm sie dann dieses Buch zur Hand? Zu wünschen wäre es ihr.#*Literatur und Kritik' Alexander Kluy</marc:subfield>
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