Wir wissen nicht mehr, wer wir sind

Bezeichnung Wert
Titel
Wir wissen nicht mehr, wer wir sind
Untertitel
vergessene Minderheiten auf dem Balkan
Verfasserangabe
Cyrill Stieger
Medienart
Person
Verlag
Ort
Wien
Jahr
Umfang
285 S.
ISBN13
978-3-552-05860-6
Schlagwort
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Peter Tolar; #Der Autor führt uns in unbekannte Gegenden des Balkans zu kleinen Volksgruppen, die sich durch die Zeiten den jeweiligen Herrschenden angepasst haben. (ER)#Beschrieben werden die wechselhaften Verläufe der Geschichte und Gegenwart meist slawisch stämmiger muslimischer Minderheiten auf dem Balkan, Bosniaken, Torbeschen, Pomaken, Aromunen, aber auch kleiner christlicher Gruppen wie Istrorumänen und Usokoken in Kroatien. Zerrissen zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen und wechselnden politischen und nationalstaatlichen Einflüssen, zeichnet der Autor - schöpfend aus wissenschaftlichen Quellen und persönlichen Recherchen mit zahllosen Interviews - ein düsteres Zukunftsbild für den Erhalt der alten Minderheitenkulturen und -sprachen. Wir LeserInnen erfahren nicht von den einzelnen Lebensspuren, aber doch von den wechselnden Schicksalen, die sich den Gegebenheiten jeweils angepasst haben. So sind eigentlich alle dort Lebenden manchmal einer Gruppe zugeordnet, weil es opportun erscheint, später wiederum bekennen sie sich zu einer anderen Ethnie. Weit fortgeschrittenen Assimilierungstendenzen in Mazedonien, Griechenland und Bulgarien steht einzig Bosnien als bedingt zukunftsträchtiges Staatsgebilde für die Weitergabe islamischer Traditionen gegenüber.#Geeignet ist das interessante, aber dennoch ein wenig schwierig zu rezipierende Buch nur für LeserInnen mit doch sehr speziellem Interesse an Geschichte und gegenwärtigen Verhältnissen in den Balkanstaaten.## ---- #Quelle: Pool Feuilleton; #Jedes Mal, wenn die Statistiken der frisch eingebürgerten Staatsbürger ausgelegt werden, sind neben Staaten, unter denen wir uns etwas vorzustellen vermeinen, Ethnien dabei, von denen oft die Eingebürgerten selbst noch nichts gehört haben. Wenn wir nämlich ein paar Generationen zurückblicken, so wissen wir oft alle nicht mehr, wer wir sind.#Cyrill Stiegler stellt unter diesen makaberen Seufzer des Unwissens seine ausführlichen Reisen und Interviews quer durch Mittel- und Osteuropa. In manchen Landstrichen wird er fündig und stößt auf Reste von Völkern, die nur mehr in alten Namensgebungen rekonstruierbar sind.#Im Buchumschlag ist nach alter Karl-May-Manier eine Karte ausgelegt, wo sich die entsprechenden Herkunfts-Abenteuer abspielen. Dichte Punkte sind in Istrien und im Raum zwischen Triest und Zagreb angesiedelt. Der Großteil der untersuchten Minderheiten liegt an den Grenzen zwischen Albanien, Kosovo, Serbien und Mazedonien. Diese Grenzgebiete deuten darauf hin, dass die Bewohner ständig hin und her gewechselt sind, und auch die Sesshaften haben oft ihre Identitäten während einer Generation gewechselt. So nennen der Lehrer und der Hodscha eines Minderheitendorfes ihre Leute im Interview durchaus anders als diese sich selbst bezeichnen. Je nach Dorf bezeichnen sie sich als Türken, Torbeschen oder Albaner. (68)#Eine erste Zusammenfassung lautet: Die Torbeschen, die Goraner und die Pomaken haben keine einheitliche Vorstellung darüber, wer sie sind und woher sie kommen. (18)#Oft werden diese Minderheiten nach einem einzigen Ort bezeichnet, der den Hauptgrund einer wissenschaftlichen Untersuchung gewesen ist. Generell zieht sich die Nicht-Verwaltung durch diese Gebiete, Osmanen, Habsburger, Tito und letztlich auch die UNO haben immer nur rudimentäre Grenzziehungen veranlasst, durch die die Menschen ständig durchgeflutscht sind.#Vor allem in Bosnien und Mazedonien gibt es seit Jahrhunderten seltsame Formen des Zusammenlebens, die jeder Großmacht trotzen. In den Dokumenten macht es eine Zeitlang einen Unterschied, ob man Muslimisch groß oder klein schreibt, einmal ist es eine Ethnie und einmal eine Religionsanwendung.#Cyrill Stieger, erfahrener Journalist, Diplomat und Historiker, lässt diese beinahe schon verschollenen Völker noch einmal kurz auftauchen für seine Zusammenschau. Natürlich ist Melancholie dabei, wenn eine Kultur ausstirbt, aber die Darstellung schärft auch den Blick, wie wir Kulturen generell gegenübertreten könnten, bescheiden und gelassen. Denn während wir an alten Spuren sitzen und uns in alte Geschichten versenken, tun sich neben uns schon die nächsten Minderheiten auf und machen sich für das Verschwinden bereit.#Wenn wir jährlich unsere neuen Staatsbürgerschaften begrüßen und uns neue Bürger einverleiben, sollten wir mit etwas Abstand und Ehrfurcht überlegen, was parallel dazu gerade ausstirbt.#Helmuth Schönauer