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Das Paradies des Doktor Caspari

Bezeichnung Wert
Titel
Das Paradies des Doktor Caspari
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Andrea Grill
Medienart
Sprache
Person
Auflage
1. Aufl.
Verlag
Ort
Wien
Jahr
Umfang
283 S.
ISBN13
978-3-552-05744-9
Annotation
Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Isabella Carolina Pohl; #Das Leben des Schmetterlingsvaters#Andrea Grills Roman "Das Paradies des Doktor Caspari"#Franz Wilhelm Caspari lebt den Forschertraum schlechthin. Der Wiener Biologe, der sich später vergeblich um eine Juniorprofessur an der Universität seiner Heimatstadt bewerben wird, lebt seit zehn Jahren auf einer exotischen Insel und widmet sich dort voll und ganz einer ausgestorben geglaubten Schmetterlingsart. Der Forscher ist Schmetterlingsvater mit Leib und Seele. Er hat die seltenen, rätselhaften Nachtfalter förmlich aus dem Staub hervorgezogen, sie sind für ihn weit mehr als nur ein Forschungsobjekt, sie sind seine Schöpfung, sind, obwohl Caspari keinesfalls zu Sentimentalität neigt, seine Familie, die ihn auf der Insel festhält, die sein Leben bestimmt, ihn zugleich im Klammergriff hält und vom Leben ausschließt. Andrea Grills hochinteressanter neuer Roman eröffnet ein atemberaubendes Panoptikum von einander überlagernden Eindrücken, auf faszinierende Weise ineinander spielenden Themen, und er erzählt dabei womöglich am eindrücklichsten von der Absurdität und Unmöglichkeit des Lebens.#Zunächst ist Das Paradies des Doktor Caspari ein Roman über die Arbeit eines Naturforschers. Die Schmetterlinge und ihre obsessive Beobachtung eignen sich nicht erst seit Nabokov hervorragend für literarische Betrach­tungen. Das Besondere an diesem Roman ist jedoch, dass die aus Salzburg gebürtige Autorin Andrea Grill zugleich Biologin ist und selbst mehrere Jahre der Erforschung einer Schmetterlingsart gewidmet hat. In ihrer Dissertation aus dem Jahr 2003 befasste sie sich mit einem ausschließlich in höheren Lagen Sardiniens vorkommenden Falter mit dem wohlklingenden Namen Maniola nurag. Das jahrelange Inselleben im Dienst der Wissenschaft, das bei ihrem Pro­tagonisten Caspari extreme Züge annimmt, ist also eine authentische Erfahrung der Autorin. Ihren Helden versetzt Grill auf die fiktive Insel Mangalemi im Indischen Ozean, an einen entlegenen Ort, an dem der junge Forscher sprichwörtlich am Ende der Welt gelandet ist. Auch die Schmetterlinge Casparis gehören einer fiktiven Art an. Calyptra lachryphagus repräsentieren gewissermaßen die Poetisierung der Wissenschaft, denn Grill schreibt ihnen eine märchenhafte Eigenschaft zu: Sie ernähren sich von menschlichen Tränen. Schillernde Schmetterlinge, die sich an tränennassen Menschenwangen laben - ein intensives Bild, das gar nicht so ausgefallen ist, wie es für Nichtnaturkundler auf den ersten Blick erscheinen mag. Es existieren, erklärte die Biologin Andrea Grill, tatsächlich Tränen trinkende Falter.#Caspari schreibt seinen Forschungserfolg - aus zwei, drei erst nach Monaten im Wald entdeckten Exemplaren konnte er nach ersten Rückschlägen eine stattliche Schmetterlings-Kolonie züchten - der Entdeckung des menschlichen Lebenselixiers zu. Zwar begnügen sich die Falter auch mit Blütennektar und Zuckerwasser, sollen sie aber fruchtbar sein und viele Eier ablegen, ist der Tränentrunk unabdingbar. Die Jagd nach diesem besonders kostbaren Nass sorgt für die skurrilsten, heitersten Passagen im Text. Etwa wenn Caspari seine für die Schmetterlingsfütterung hochbegabte, weil nah am Wasser gebaute Haushaltshilfe in herzzerreißende Gespräche über die Tragik des Lebens verwickelt, die hemmungslos hervorsprudelnden Emotionen kleiner Schulkinder ausnützt oder sogar ein lokales Fußballspiel zu manipulieren versucht. Dummerweise ist der Forscher, der bis zur Selbstaufgabe um das Gedeihen seiner Falter bemüht ist, selbst nicht in der Lage, ihnen zu geben, was sie seiner Ansicht nach am dringendsten brauchen: Caspari kann nicht weinen, jedenfalls nicht "authentisch", und seine durch exzessives Zwiebelschneiden künstlich dem Körper abgetrotzten Tränen können den gewünschten Effekt als Nährstoff nicht erzielen, denn - hier ist wieder die Biologin am Wort - Zwiebel-Tränen haben andere Inhaltsstoffe als von echter Emotion ausgelöste.#Gewissermaßen aus dem Leben herausgefallen ist aber nicht nur Caspari, sondern auch sein bester Freund auf der Insel, der Schweizer Heinrich, dessen Leben durch einen bürokratischen Irrtum sprichwörtlich ausgelöscht wurde. Und, auch das ist ein Thema dieses Romans, es sind häufig junge Wissenschaftler, die im existenziellen Sinne an den Rand gedrängt leben. Die entlegene Insel Mangalemi, auf der das Leben praktisch nichts kostet, aber eben auch nicht so viel wert ist wie in der Heimat, wo auch die Anerkennung zuhause ist, mag als Metapher für die Lebens- und Arbeitsbedingungen der jungen Forschergeneration gelten. Die Insel, die Caspari zunächst mit der bedingungslosen Euphorie des Anfängers für seine Arbeit erschließt, ist im Laufe der Jahre zum Abstellgleis geworden, zur Pausenzone. Casparis Inselleben ist, in finanzieller, ideeller und emotionaler Hinsicht, eine Auszeit vom "richtigen Leben". Wann ist schließlich der Zeitpunkt gekommen, an dem ein Wissenschaftler ein Projekt für beendet erklären soll? Wenn ein Paper produziert und publiziert worden ist? Wenn ein Ergebnis vorliegt, das seinerseits neue Fragen aufwirft? Oder spätestens, wenn die Forschungsförderung ausläuft? Soll einer, der monatelang in völliger Abgeschiedenheit durch Wälder gestreift, auf Bäume geklettert ist und unzählige Höhenmeter überwunden hat auf der Suche nach bestimmten Lebenszeichen, plötzlich alles stehen und liegen lassen, weil die Akademie das Projekt nicht mehr für förderungswürdig erachtet?#Und wann beschließt der Wissenschaftler selbst, eine Arbeit für beendet zu erklären, die, im Falle Casparis, während der gesamten Forscherlaufbahn seinen Lebens­inhalt dargestellt hat? Caspari befindet sich damit in einer verzwickten Lebenslage, durch existenzielle Fragen isoliert. Das Internet bleibt sein verhängnisvolles Tor zur Welt. Es bildet den technischen Kanal zur "echten" Familie in der Ferne. Auf kontrollierte Weise, üblicherweise vormittags, wenn die Schmetterlinge versorgt sind, die Arbeit an neu- und umzuschreibenden Forschungsberichten und Aufsätzen noch ein wenig wartet, lässt Caspari Lebenszeichen durch diesen Kanal eintröpfeln: gut gelaunte E-Mail-Notizen des Vaters, der für seinen Italienischkurs übt und dessen Selbstmordversuch vor vielen Jahren schwer auf dem Sohn lastet, sporadische, manchmal vorwurfsvolle Mitteilungen der Schwester, und regelmäßig die Absagen der diversen Beurteilungskommissionen und Fachmagazine. Technische Signale treten an die Stelle sozialen Austauschs. Auch mit seiner geliebten, schwerkranken Großmutter kommuniziert Caspari auf abstraktem Weg, mittels eines elektronischen Spielzeugs, einer Art Zwillingsgerät, das Körperregungen, Händedruck von einem Gerät zum anderen übermittelt.#Andrea Grill schildert die Beharrlichkeit Casparis auf geradezu berührende Weise. Große Themen und kleine Begebenheiten werden in ein Verhältnis zueinander gebracht. Eine große Stärke der Autorin ist es, spielerisch, mitunter wie zufällig wirkend einzelne Motive heranzuziehen und rechtzeitig wieder in den Hintergrund treten zu lassen - eine hochgradig equilibrierte Erzählweise, mit der Grill ihrer Geschichte eine geheimnisvolle Aura erhält.

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