Talschluss
| Bezeichnung | Wert |
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| Titel |
Talschluss
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| Untertitel |
Roman
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| Verfasserangabe |
Olga Flor
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| Medienart | |
| Sprache | |
| Person | |
| Verlag | |
| Ort |
Wien
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| Jahr | |
| Umfang |
171 S.
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| ISBN13 |
978-3-552-05332-8
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| Annotation |
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Liselotte Leikermoser; #Psychogramm scheinbar intakter Verhältnisse. (DR)##Ein runder Geburtstag soll gefeiert werden. Die Jubilarin plant ein Fest in der komfortablen Almhütte am Ende eines abgelegenen Seitentales. Katharina, professionelle Eventmanagerin, bereitet von der Zimmereinteilung bis zum Bankett unter den Sternen alles vor. Gutgelaunt findet sich die Geburtstagsgesellschaft ein, man ist klug und erfolgreich, zieht beruflich und gesellschaftlich die richtigen Fäden. Verlierer kommen in dieser Familie einfach nicht vor. Der richtige Wein und die richtige Speisenfolge schützen allerdings nicht vor der Bedrohung von außen. Eine Viehseuche kaserniert die Familie auf unbestimmte Zeit.#Olga Flor schafft mit ihrer präzisen Sprache ein bizarres Szenario, Menschen erleben ihre größten Ängste: Kontrollverlust und Hilflosigkeit.## ---- #Quelle: Buch und Medien Südtirol (http://www.provinz.bz.it/kulturabteilung/bibliotheken/320.asp); #Autor: M. Fritz; #Familienromane scheinen zur Zeit in der österreichischen Literatur sehr beliebt zu sein. Die Hauptfigur in Olga Flors zweitem Roman feiert einen runden Geburtstag. Zur Feier hat sie die ganze Familie eingeladen. Alles ist perfekt und bin ins kleinste Detail geplant: von der Zimmereinteilung bis zum Abendessen. Sie hat extra einen alten, renovierten Bauernhof angemietet. Nach und nach treffen die Familienmitglieder und auch drei junge Musiker ein. Schon die unterschiedlichen Figuren und Charaktere weisen darauf hin, dass es zum Konflikt kommen muss und dass alte Ressentiments und verdeckte Spannungen aufbrechen. Als auch noch eine Tierseuche ausbricht und das Tal von den Behörden abgesperrt wird, gibt es kein Entrinnen mehr. Die Lebenslügen der Protagonisten werden schonungslos entlarvt. Erzählt wird die Geschichte von Katharina, einer Event-Managerin, die für die Organisation der Feier verantwortlich ist. Mit Katharina führt die Autorin eine außenstehende, kritische und sensible Beobachterin in die Geschichte ein.## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Harald Klauhs; #Feindliche Übernahme / Olga Flor seziert das moderne Leben.##Eine schrecklich nette Familie. Sauber und ordentlich. Höflich und sittsam.#Gebildet und erfolgreich. Eine österreichische Musterfamilie. Zur Feier des 60. Geburtstags der Patriarchin Grete organisiert die seit langem mit der Familie befreundete Event-Managerin Katharina ein paar Tage auf einer Almhütte. Mit allem Pipapo: Eine Spedition bringt die richtigen Möbel, eine Haushälterin sorgt für die richtigen Speisen und Getränke, sogar an ein Kurzzeitabonnement für die richtige Zeitung hat sie gedacht. Eine wohlgeordnete Welt in ungetrübter Natur. (Wären da nicht die Kühe.)#Zu Beginn von Olga Flors Roman "Talschluss" steht Grete schon in der Tür, als Katharina eintrifft, und weist ihr einen Parkplatz zu. Grete hat stets alles im Griff. Ihren Mann Ernst hat sie zum Manager in der Automobilzulieferungsindustrie werden lassen, zwei Kinder, Thomas und Sabine, hat sie großgezogen, und sich dann, als die außer Haus waren, einer neuen Herausforderung gestellt, hat Psychokurse besucht, danach selbst Seminare abgehalten und schließlich ein eigenes Institut gegründet, um "mein Wissen wandern zu lassen, dass es Wurzeln schlägt und Früchte trägt, sich wandelt und neue Gestalt annimmt". Grete ist in eins mit sich und der Natur. (Wären da nicht die Kuhfladen.)#Anders Katharina, die Nachbarstochter, die einst mit Thomas liiert war. Sie hat Angst vor Kühen. Nach einem Begrüßungstee beschließen die Frauen, noch einen Spaziergang zum kleinen Almsee an diesem Spätsommerabend zu machen. Dazu müssen sie entweder den Umweg über die Forststraße nehmen oder das Weideland durchqueren, auf dem Jungrinder grasen. Grete steuert natürlich geradewegs auf die Weide zu und Katharina trottet ihr nach, weil sie sich keine Blöße geben will. Wie gut, sagt sie nur, dass die Tiere nicht wissen, "wie schwer sie sind, wie leicht wir, wie leicht man so etwas wie uns einfach wegräumen könnte". Für sie ist die Natur unberechenbar. (Es kommt ihnen kein Rindvieh in die Quere.)#Als die Frauen von ihrem Spaziergang zurückkehren, sehen sie vor dem Tor auf der Forststraße einen Wagen stehen, aus dem Thomas, dessen Stiefsohn Artur und zwei seiner Freunde steigen. Statt seiner Frau Gudrun hat Thomas überraschenderweise die drei jungen Männer mitgebracht, weil die ein Konzert in der Nähe besuchen wollen. Artur ist Geiger, kahl geschoren und hat ein Piercing an der Zungenspitze. Das verleiht ihm, im Gegensatz zum fitnessstudiogestählten Thomas, etwas Wildes, Raubtierhaftes. "Wir finden schon einen Platz" für die unerwarteten Gäste, meint Grete mit Blick auf Katharina, die für einen reibungslosen Ablauf verantwortlich ist. Doch es gibt neben dem Haus ohnehin noch einen Schuppen, in dem drei Räume eingebaut worden sind, "eine holzgestützte Jenseitskonstruktion, das Innere eines Schiffsbugs". Es ist eine Art umgedrehte Arche Naoh, in die sich Artur dann zum Üben zurückzieht. Als ihn Katharina dort sucht, um im Auftrag Gretes die drei Freunde zum Essen einzuladen, hört sie seine Musik aus dem Schuppen. Ganz allein spielt Artur in dem finsteren Raum. Katharina setzt sich, lauscht ergriffen und vermutet in den Winkeln des Raumes "Nester organischen Materials" wie Vogelkot oder Spinnweben sowie Fledermäuse. Später am Abend treffen noch Ernst, Sabine und deren Kinder ein. (Die Rinder grasen friedlich vor dem Haus.)#Die Almhütte als Labor des modernen Lebens, in dem alles fengshuimäßig eingerichtet ist, der Heuschober als kirchenschiffähnliches Refugium der Kunst und der Natur. Olga Flor findet eindringliche Bilder, mit denen sie uns vor Augen führt, wie gut sich Wirtschaft und Esoterik vertragen, ja geradezu bedingen, und Kunst und Natur ins Abseits drängen. Ernst und Grete, ein Paar wie aus McKinseys Musterbuch: Er sorgt mit Leistungsbereitschaft ("Wer was erreichen will, muss hart zu sich sein") und Konsumismus ("Ausrüstungsfetischismus" nennt das Katharina) für jene Sicherheit, die das Leben beherrschbar aussehen lässt. Sie sorgt mit Esoterik-Sprüchen ("Lass dich ein auf das, was du tust, geh auf in jeder noch so kleinen Tätigkeit") dafür, ausgepowerte Manager wieder fit für die Firma zu machen (und sie den Verfall ihres Körpers und den Tod vergessen zu lassen). Und beide kassieren dabei kräftig.#Mit Katharina und Artur gibt es jedoch eine Art Gegenpaar. Die Event-Managerin hat ihn nämlich längst satt, den Robinson-Crusoe-Event von Neckermann, sie hat genug vom Abenteuer im Wasserglas. Sie organisiert sich deshalb einen echten, einen erotischen Event - mit ungewissem Ausgang. Sie verführt den um zirka zehn Jahre jüngeren Artur. Denn mit ihm bricht die nicht planbare Kunst und die ungezügelte Vitalität in das kontrollierte und gestylte Paradies ein. Und dann platzt auch noch der Gummi und sie liegt in einem kleinen Samensee - und genießt das, selbst dann noch, als ihr bewusst wird, dass sie nun schwanger sein könnte.#Dem Einbruch des Lebens geht allerdings der Einbruch des Todes voraus. Wir sind längst in der Früh des nächsten Tages, als Katharina die Zeitung vom Gatter holt und irgendetwas von "Verdacht auf Maul- und Klauenseuche" liest. Man schenkt der Meldung erst einmal keine Beachtung. Erst später, als Ernst den Nachbarn trifft und der etwas von Viehseuche faselt, von der auch die hiesigen Tiere infiziert sein könnten, wird's ernst. Alle sind inzwischen durch die Weide gestapft und möglicherweise in eine der vielen Kuhfladen getreten. "Endlich was Existenzielles", sagt später einer von Arturs Freunden. Doch als Worte wie Seuchenteppich und "Nicht-mehr-raus Kommen" fallen, wird Grete allmählich (kontrolliert natürlich) nervös und fordert Katharinas Krisenmanagement.#"Talschluss" war längst fertig, als der Tsunami Tod und Verderben in die südostasiatischen Urlaubsparadiese brachte. Der plötzliche Einbruch der Natur in eine scheinbar sichere Welt ist jedoch auch ein Thema dieses Romans. Wobei die 1968 in Wien geborene Autorin den Roman dialektisch und vieschichtig angelegt hat: Natur und Zivilisation, Kunst und Technik, Religion und Wirtschaft, Freiheit und Sicherheit, all diese Begriffe stehen hier in einem Spannungsverhältnis. Und sehr stimmig sind all diesen Begriffen Personen und Symbole zugeordnet. So wackelt etwa die Kleiderpuppe, auf der Gretes teurer Kimono hängt, als Katharina sich unter das an der Wand hängende Wolfsfell setzt, um auf Artur zu warten.#Mit naturwissenschaftlicher Präzision beschreibt die ausgebildete Physikerin "die feindliche Übernahme des Geistes durch die Maxime der wirtschaftlichen Verwertbarkeit", schildert sie die Unmöglichkeit, sich der Diktatur der Optimisten und Jasager zu entziehen. Olga Flor hat sich seit ihren ersten Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften zur Chefanalytikerin der Zurichtungen des Privatlebens durch die wirtschaftlichen Verhältnisse entwickelt. 2001 erhielt sie den Alfred-Döblin-Preis, im Jahr 2003 folgte, nach dem viel-, wenn auch erst spät vom deutschen Feuilleton beachteten Debütroman "Erlkönig" (2002), der Reinhard-Priessnitz-Preis. Erst kürzlich wurde der in Graz ansässigen Autorin nun der Otto-Stoessl-Preis zuerkannt. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen in den neuen Roman.#Erzählt wird aus der Perspektive Katharinas. Vieles spielt sich in ihrem Kopf ab und wird (wie auch ein paar Gedanken anderer Figuren) oft in Klammern neben jene Worte gesetzt, die sie tatsächlich sagt. Auf diese Weise verschränkt Olga Flor einerseits die äußere mit der inneren Wirklichkeit und macht andererseits die Differenz der beiden Welten deutlich.#Und Katharinas Situation ist die unsere, die der westlichen Welt: Wir sind in gewisser Weise am Talschluss angelangt und feiern dort eine riesen Party. Draußen jedoch wartet der Tsunami, die verseuchten Kühe oder sonst etwas. Der Rest spielt sich zwischen Feiern und Fürchten, nicht mehr rauszukommen, ab.#Gibt es einen Ausweg? Die bürgerliche Wohlanständigkeit hat am Ende ein paar Risse bekommen, aber sonst bleibt alles in Schwebe. In der zweiten Nacht stehlen sich Artur und Katahrina heimlich in ihre Arche. Ein anarchischer Akt in dieser "brave new world". Als Katharina am Morgen des dritten Tages aufwacht, hört sie den dumpfen Laut eines Rinds. Sie steht auf, geht zum Waschbecken, um Zähne zu putzen. Plötzlich hört sie ein Schmatzen - hinter ihr steht der riesenhafte Leib einer Kuh. Der Weg ins Freie ist verstellt. Doch sie fürchtet sich nicht mehr.#"Wie erbärmlich, dass der ganze selbstbestimmte Suchende an diesem obszön sterblichen Körper hängt", heißt es einmal. Und wie schön, dass der Literaturbetrieb immer noch Autorinnen hervorbringt, welche die klassischen Tugenden der Literatur, nämlich uns mit ästhetischen Mitteln etwas bewusst zu machen, so beherrschen wie Olga Flor.## ---- #Quelle: SCHRIFT/zeichen; #Autor: Alice Bolterauer; #In ihrem zweiten Roman (nach "Erlkönig" 2002) legt Olga Flor die nüchterne Bestandsaufnahme einer Gesellschaft vor, die sich in ihren Sprüchen, Selbstlügen, Ansprüchen (berechtigten wie willkürlichen), in ihren selbst konstruierten Freuden und Ängsten einen Ort der Sicherheit wie der Gefangenschaft erschaffen hat und eigentlich nicht mehr davon loskommt. Das Seil, das mich hält, fesselt mich auch, heißt es einmal sinngemäß bei Diderot. Die Handlung dieses Romans ist simpel: eine Gruppe mehrerer, mehr oder weniger verwandtschaftlich verbundener Menschen findet sich auf einer Almhütte ein, um dort den 60. Geburtstag von Grete zu feiern. Organisiert wird das Fest von Katharina, einer Event-Managerin, aus deren Perspektive erzählt wird. Der Ausbruch einer Rinderseuche verhindert die frühzeitige Abreise der Geladenen. Dieses Szenario erinnert an Boccaccio, mit dessen "Decamerone" Olga Flors Roman freilich weder formal noch genremäßig etwas gemein hat, mit dem er sich aber doch in der Reflexion auf die emotionalen, intellektuellen und körperlich-sexuellen Konditionen des Menschen trifft. Dabei zeigt Olga Flor beides: die Korruption der Gedanken und Gefühle, aber auch die Ambivalenz von Körper und Natur zwischen Authentizität und Perversion. Aber das ist freilich nur ein Aspekt in dem vielschichtigen, fulminant geschriebenen und trotz seines distanzierten Duktus mitreißenden Romans von Olga Flor.
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