Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere

Bezeichnung Wert
Titel
Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere
Verfasserangabe
Handke, Peter
Medienart
Sprache
Person
Auflage
Erste Auflage
Verlag
Ort
Berlin
Jahr
Umfang
558 Seiten
ISBN10
3-518-42757-1
ISBN13
978-3-518-42757-6
Schlagwort
Annotation
Als das »Letzte Epos« (mit großem »L«) hat Peter Handke seinen neuen Roman bezeichnet. Mit der Niederschrift begann er am 1. August 2016: »Diese Geschichte hat begonnen seinerzeit an einem jener Mittsommertage, da man beim Barfußgehen im Gras wie eh und je zum ersten Mal im Jahr von einer Biene gestochen wird.« Dieser Stich wird, wie der Autor am 2. August festhält, zum »Zeichen«. »Ein gutes oder ein schlechtes? Weder als gutes noch als ein schlechtes, gar böses – einfach als ein Zeichen. Der Stich jetzt gab das Zeichen, aufzubrechen. Zeit, daß du dich auf den Weg machst. Reiß dich los von Garten und Gegend. Fort mit dir. Die Stunde des Aufbruchs, sie ist gekommen.« Die Reise führt aus der Niemandsbucht, Umwegen folgend, sie suchend, in das Landesinnere, wo die Obstdiebin, »einfache Fahrt«, keine Rückfahrt, bleiben wird, oder auch nicht?. Am 30. November 2016, dem letzten Tag der Niederschrift des Epos, resumiert Peter Handke die ungeheuerlichen und bisher nie gekannten Gefahren auf ihrem Weg dorthin: »Was sie doch in den drei Tagen ihrer Fahrt ins Landesinnere alles erlebt hatte: seltsam. Oder auch nicht? Nein, seltsam. Bleibend seltsam. Ewig seltsam.« Quelle: bn.bibliotheksnachrichten, Renate Langer Um ihre Mutter wiederzusehen, begibt sich eine junge Frau auf eine mythisch anmutende Heldenreise. (DR) Seit langem irrlichtert die Gestalt der Obstdiebin wie ein Phantom durch Peter Handkes Texte. Seit langem auch hat der mittlerweile 75-jährige Autor ein "Letztes Epos" angekündigt, mit ihr als Titelfigur. Dass das nun vorliegende neue Erzählwerk sein letztes sein sollte, davon ist freilich keine Rede mehr. Heißt sie nun wirklich Alexia, oder spielt der Autor nur mit den Wünschen seines Publikums, das wissen möchte, wie die Protagonistin heißt? Was heißt überhaupt "wirklich" in einem fiktionalen Zusammenhang? Meist wird sie nur die "Obstdiebin" genannt. Wie die meisten Hauptfiguren in Handkes großen Epen bricht sie zu einer Reise auf und legt dabei weite Strecken zu Fuß zurück. Sie möchte ihre Mutter aufsuchen, von der sie ein Jahr lang getrennt war. Wer mit Handkes Oeuvre vertraut ist, erkennt in dieser Mutter die Heldin aus dem Opus "Der Bildverlust" (2002), die "Bankfrau" mit dem verschollenen Kind. Die Reise dauert diesmal zwar nur drei Tage und führt über kaum mehr als 50 Kilometer Luftlinie von Paris in die Picardie, doch sie wird zu einer Aventüre, wie sie die Helden der mittelalterlichen Ritterepen zu bestehen hatten, voll zeichenhafter Begegnungen und Herausforderungen. Wie oft bei Handke gibt es eine Menge offener und versteckter Anspielungen auf Wolfram von Eschenbachs "Parzival". Aber auch die Bibel wird immer wieder als Referenztext bemüht, nicht nur die für eine Obstdiebin naheliegende Geschichte von der verbotenen Frucht im Paradies, sondern auch das Buch Jona aus dem Alten Testament. Handke geht auf Distanz zu dem misanthropischen Propheten, der sich auf den Untergang Ninives freute und mit Gott haderte, weil dieser die Stadt verschonte. Darin mag auch ein Stück Selbstkritik des Autors stecken. Die Obstdiebin ist jung, mutig, körperlich fit und selbstverständlich schön. Nur ein bösartiges Kritikerhirn käme auf die Idee, sie als Altherrenphantasie abzustempeln. Dass sie gewohnheitsmäßig gärtnerische Erzeugnisse stiehlt, nimmt ihr der Ich-Erzähler, der viel mit dem Autor gemeinsam hat, nicht übel, im Gegenteil. Mehr noch, er verzeiht ihr sogar, dass sie, wie die meisten ihrer Generation, sehr routiniert ihr Mobiltelefon handhabt. Dieses Detail dürfte den gar nicht technikaffinen Handke einiges an Überwindung gekostet haben. So einzigartig sich die Heldin als Individuum präsentiert, allein fühlt sie sich dennoch nicht. Sie traut sich zu (und auch ihr Autor scheint es ihr zuzutrauen), mit "ihresgleichen" eine utopische "ganz andere Gesellschaft" zu bilden und die von Katastrophen bedrohte Welt zu retten. Damit steht sie in einer Reihe mit den vielen schönen, jungen Hoffnungsträgerinnen und Heilsbringerinnen, die Handkes Werke bevölkern. Sie ist aber die erste, die nicht nur als "Dea ex machina" auftritt, sondern es zur Hauptfigur eines epischen Großwerks gebracht hat. Quelle: Pool Feuilleton Kaum Handlung, kaum Thesen, kaum Genre, alles richtig, kaum etwas falsch. Peter Handke kommt wie die meisten Schriftsteller, die denkend gealtert sind, ohne den Schnickschnack der Schreibschulen und Germanistik aus. Zum 75sten Geburtstag hat er sich die Kärntner Verfassung umschreiben lassen, damit er Anspruch auf das goldene Keks hat. Sich selbst hat er die Obstdiebin vom Leib und auf den Leib geschrieben, und nur, wer alle bisherigen Lesetipps hinter sich lässt, kommt an die Obstdiebin heran. Die Obstdiebin kann man nicht falsch lesen, weil alles, was man auf diesen fünfhundert Seiten entdeckt, einfach schön, ungewöhnlich und handkisch ist. Im Eisenbahnwesen gibt es diese Langsam-Fahrstellen, wenn die Gleise schwach sind, bei Handke gibt es die Langsam-Lesestellen, wenn der Text stark ist. Die Obstdiebin ist eine einzige Langsamfahrstrecke für die Augen. Der Beginn ist vielleicht Fontane-mäßig, ein Icherzähler hat es sich im Vorort-Streifen von Paris schön eingerichtet, die edle Gasse teilt er sich mit dem Nachbarn, der Garten ist schön und dann kommt endlich ein Stich-Tag, wenn er barfuß in eine Biene tritt. Das Konzept des Alltags besteht aus ständigem Hinschauen, Wegschauen, Umschauen. "Im Gehen, auf dem Weg zum Gartentor, kehrte ich um und stieg hinab in den Keller." (S. 29) Da tritt der Erzähler eine Reise ins Landesinnere an, indem er mit der Bahn Richtung Norden fährt in eine Gegend, die schon einmal als Niemandsbucht beschrieben worden ist. Zuvor hat ihm die Obstdiebin noch eine Pflanze aus dem Garten herausgezwickt, eine Art Mundraub für die Schönheit und sicher nicht strafbar, aber doch eine Abweichung vom üblichen Gartenrecht. Nach allerhand Plätzen, Straßenmusikanten, Pendlern mit der Erhabenheit des Arbeitsalltags fährt der Erzähler hinaus ins Land. Die Bahn wird immer dünn-besetzter und am Schluss schiffen der Lokführer und sein Sohn ins Gelände, dem die Gleise ausgegangen sind. Im Zug glaubt er die Obstdiebin zu sehen, aber es könnte eine Täuschung sein. Er getraut sich nicht, genauere Umstände abzufragen, denn das ganze hier soll kein Krimi sein, in dem ununterbrochen recherchiert wird. (135) Später wandern beide ins Gelände und der Erzähler übergibt die Erzählung der Obstdiebin, die durchklingen lässt, dass sie immer unterwegs ist und in jedem Land anders genannt wird. Ganz heiß werden die Verehrer, wenn sie auf Russisch macht und sich Alesia nennt. "Was eine Obstdiebin alles entdecken kann!" (175) Da ist auch der Erzähler in der Versenkung ein Bewunderer geworden. Nach drei Tagen in der Botanik gibt es ein ausgiebiges Fest, bei dem alle wie in einem Gemälde aufgestellt sind und in eine andere Zeit wechseln. Jemand stellt fest, dass Wolfram von Eschenbach so gültig ist, weil er unübersetzbar ist. Und da fällt einem wieder die Stelle am Beginn des Romans ein, als sich im "Mittelalterbuch" (Willehalm) eine Frau beide Hände abhackt, um so entstellt für die Männer untauglich zu sein. Und jetzt? "Die helle Sommersträhne im dunklen Haar: seltsam. Oder auch nicht? Nein, seltsam. Bleibend seltsam. Ewig seltsam." (559) Helmuth Schönauer
BEMERKUNG
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Übersetzung
Deutsch
Trägermedium
Band