Die Arbeit der Nacht

Bezeichnung Wert
Titel
Die Arbeit der Nacht
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Thomas Glavinic
Medienart
Person
Verlag
Ort
München ; Wien
Jahr
Umfang
394 S.
ISBN10
3-446-20762-7
Schlagwort
Annotation
Thomas Glavinic: "Die Arbeit der Nacht" Der Spaß ist vorbei Thomas Glavinics neuer Roman, inzwischen als eines der großen Ereignisse der literarischen Saison weithin gelobt, raubt der Existenz alle Sicherungen: ein verlässliches Ich und damit eine verlässliche Realität. Ein Mann ist allein auf der Welt, alle 400 Seiten des Buches lang. Die Bedingungen menschlicher Existenz sind dadurch auf eine Weise neu gemischt, dass Existenz in ihren Bedingungen neu erfahrbar wird. Glavinic braucht dafür kein Horrorszenario zu entwerfen, sondern nur seine Ängste ernst zu nehmen: die konkrete Wirklichkeit mit dem Wahnsinn des Ichs zu versetzen bzw. den Wahnsinn des Ichs mit konkreter Wirklichkeit auszustatten. Das Ich ist der Stoff, aus dem durch Erzählung authentische Welten gemacht werden, und authentische Weltdarstellungen sind Ich-Erzählungen. Der Roman hat also Besseres zu bieten als Wahrscheinlichkeit, Orientierung und Sinn: Authentizität. Gespielt wird da nicht mehr, hat man sofort den Eindruck, nicht Kultur, nicht Eloquenz oder Schlagfertigkeit, nicht Witz oder Provokation, nicht junger Wilder und nicht klassischer Erzähler - hier wird (existenzieller) Ernst gemacht. Glavinics Roman entwickelt gerade jenen Wahnsinn, den Literatur braucht, um die Existenz zur Kenntlichkeit zu ver-rücken. Jonas erwacht, macht sich Kaffee, verfehlt mit dem Messer das Brot und schneidet sich in den Finger, Fernseher kaputt, Computer gestört, Handy ohne Verbindungen. Aber erst an der Bushaltestelle merkt er, was wirklich los ist an diesem 4. Juli: kein Mensch auf der Straße, keiner im Auto oder in den Wohnungen; Stille und Stillstand. Grenzenlose Freiheit: aber sie nützt nichts. Jonas kann alle Autos aufbrechen, alle Geschäfte, aber kein Auto nützt etwas, wenn es kein Ziel gibt, das Erlösung bringt, Bereicherungen nützen nichts, weil Reichtum sinnlos geworden ist. Einziges Thema ist der Mitmensch. Jonas sucht Spuren von ihm und hinterlässt Spuren für ihn. Seine Suche wird zunehmend paranoid, er ist mit Pumpgun unterwegs. Zur Angst, der einzige Mensch auf der Welt zu sein, kommt die Angst, nicht der einzige zu sein. Kosmisches Alleinsein, das ist eine ungeheure Zumutung; alle sozialen Verhaltensziele entfallen, Imperative von außen gibt es nicht mehr, nur mehr von innen: jedenfalls Nahrungsaufnahme und Nahrungsabgabe. Aber auch die sind sinnlos, weil Biologie ihren Sinn verloren hat, auch wenn sie ihre Funktion behält. Und der Kopf? Dessen Nahrung Sinn ist, Zusammenhang und Verstehbarkeit? Ohne Sinn wird der Kopf zum Selbstmordregisseur. Und natürlich hat Jonas den Kopf voll Ich, ungleich drängender als in Zeiten sozialer Betätigung und Bestätigung, die die Identität zu einer vergleichsweise selbstverständlichen gemacht haben. Jonas' Tätigkeiten in der Leere werden folgerichtig alle zur Ich-Suche, zur Identitätsvergewisserung. Was bleibt auch über, wenn das Ich bis in die banalsten Alltagsverrichtungen in Frage gestellt ist? Jonas fährt die Orte seiner Kindheit ab, rich tet in der Wohnung seine Vergangenheit ein, liefert sich alten Photos aus, vergewissert sich auf dem Friedhof, dass die Toten noch da sind. Und er sucht seine Frau Marie, die zum Zeitpunkt der großen Veränderung gerade in England war. Diese England-Fahrt ist ein atemberaubend verwirrendes Stück Literatur: Die Umstände versinken vollends in Jonas' Zuständen; die Realität ist aufgedehnt zum Riesenraum des Ichs; ein Raum der Angst, also völlig real. Selbstgewissheit erzielen all die Selbstvergewisserungsaktionen natürlich nicht; im Gegenteil: sie bestätigen die absolute Verlassenheit, ihre Schrecken und ihre Unlebbarkeit. Glavinics Roman hat etwas von einem Selbstexperiment: Bis wohin reiche ich? Und keine Identifikationstätigkeit kann das so gut erkunden wie das Schreiben, jedenfalls eines, das auf die üblichen literarischen Sicherheiten verzichtet, vor allem auf die eine, die Welt mit Sinn zu sichern. - Jede Reise ins Ich destabilisiert die Welt. Die vielen Traumnotate im Buch schaf