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Drei kleine Wörter

Bezeichnung Wert
Titel
Drei kleine Wörter
Verfasserangabe
Sarah N. Harvey. Aus dem Engl. von Ulli und Herbert Günther
Medienart
Sprache
Person
Reihe
Auflage
Dt. Erstausg.
Verlag
Ort
München
Jahr
Umfang
252 S.
ISBN13
978-3-423-65014-4
Annotation
Quelle: Alliteratus (http://www.alliteratus.com/); #Autor: Carmen Seehafer; #Der sechzehnjährige Sid wächst in einer Pflegefamilie auf. Er weiß das von Anfang an, also seit er zwei Jahre alt ist; doch für ihn sind Megan und Caleb seine Eltern. Er weiß auch, seit er als Zehnjähriger einmal seine Geburtsurkunde gesehen hat, dass sein richtiger Name Siddharta Eickenboom lautet. An seine "Möchtegern-Hippiemutter", mit der er zusammen auf einem Hausboot lebte, das immer nach Marihuana roch, hat er nur noch verschwommene Erinnerungen. Vater unbekannt. Sid liebt sein ruhiges und geordnetes Leben. Die kanadische Autorin, die selbst in Victoria, British Columbia lebt, verlegt die Handlung auf eine abgeschiedene Insel zwischen Victoria und Vancouver. Hier gibt es wenige Nachbarn und gute Freunde, ein paar Touristen (die Caleb mit seinem Boot umherfährt) und noch nicht einmal Handyempfang. Der richtige Ort also für eine Familie, die Pflegekinder aufnehmen kann. Und davon hat Sid schon viele kommen und wieder gehen gesehen. Leibliche Kinder haben Megan und Caleb nicht - Sid ist ihr Kind.#Es gelingt der Autorin, dass der Junge dem Leser buchstäblich von der ersten Seite an ans Herz wächst. Sid ist ein ausgeglichener, verlässlicher Charakter, er zeichnet sehr gern und liebt feste Rituale, die seinem Leben Struktur verleihen: "Er ist ein unglaublicher Traditionalist [] einer, der Veränderungen nicht ausstehen kann". In bemerkenswerter Reflektiertheit kümmert er sich um die Kinder, die für verschieden lange Zeiträume in der Familie untergebracht werden - so zum Beispiel nun um die neunjährige Fariza, die gerade erst in ihre Obhut gekommen ist, zunächst mit niemandem spricht und, weil sie Schlimmes erlebt haben muss, nur sehr langsam Zutrauen zu anderen Menschen fasen kann.#Sarah N. Harvey hat die Gabe, Stimmungen und Gefühle zu beschreiben, ohne sie benennen zu müssen. Während sie von Sids Leben erzählt, von seiner Familie, von seinen gezeichneten Geschichten, von seiner Freundin Chloe und vielen anderen Kleinigkeiten, setzt sich ein farbiges Mosaik zusammen, das ein warmes Zuhause abbildet, einen Ort, an dem Kinder, die an ihrem bisherigen Leben Schaden genommen haben, in jeder Hinsicht wieder gesund werden können. Dabei sind die Pflegeeltern keine perfekten Menschen; vielmehr sind sie auf wohltuenden Weise normal, und es gibt beides: Regeln und Freiheiten.#In dieses Leben bricht eines Tages etwas ein, das Sids geordnete Verhältnisse auf den Kopf zu stellen droht: Als er nach Hause kommt, sitzt ein Mann namens Phil plötzlich im Wohnzimmer. Phil kommt aus Victoria, und er ist der Freund von Sids leiblicher Mutter Devi. Und er hat noch mehr Neuigkeiten für Sid: Devi (die, wie er jetzt erfährt, eine manisch-depressive Frau ist) ist verschwunden und ihr dreizehnjähriger Sohn Wain (von dem Sid noch nie zuvor etwas gehört hatte) ist seit einigen Tagen ebenfalls fort. Phil ist verzweifelt und hat die Idee, Sid könne ihm helfen, beide zu finden. Und er möchte auch, dass Sid Devis Mutter Elizabeth kennenlernt, die quasi seine Großmutter ist. Für Sid ist das alles zu viel. Am ehesten kann er sich noch vorstellen, bei der Suche nach Wain zu helfen, aber mit der Frau, die seine Mutter sein soll, möchte er nichts zu tun haben: "Devi, Devorah, Debby. Ich will sie nie sehen. Du bist meine Mutter. Caleb ist mein Vater. Du musst einfach wissen, dass das für mich klar ist."#Als Sid sich doch entschließt, seine Insel zu verlassen und Phil nach Victoria zu begleiten, macht er einige erstaunliche Entdeckungen: Zum einen ist Phil ein zwar anstrengender, aber fürsorglicher Mann. Und Elizabeth (die im Werbefernsehen als "Super-Granny" auftritt) mag er sofort. "Deine Großmutter. Das klingt so sonderbar, als wäre er plötzlich in den Besitz eines dritten Arms oder eines zweiten Kopfes gekommen. Praktisch, aber schwer unterzubringen." Schwerer tut er sich mit seinem Halbbruder Wain, als dieser endlich gefunden wird, denn Wain ist kohlrabenschwarz, komplett unerzogen, latent gewalttätig und hat die schlechtesten Manieren, die Sid jemals erlebt hat. Diesen kleinen Bruder möchte er am liebsten sofort wieder loswerden - aber im Gegenteil: Wain kommt mit ihm zurück auf die Insel.#Der Roman erzählt viel von der Verantwortung, die Menschen füreinander haben, und von der Hilflosigkeit von Kindern, aber auch von Erwachsenen, die helfen wollen und es nur bedingt können. Dabei macht es Mut, Sid, seine Eltern, Phil und Elizabeth kennenzulernen; das (gar nicht so) Wenige, das sie tun, richtet am Ende doch viel aus und verändert das Leben. Es ist eine Gradwanderung, jugendlichen Lesern von den gravierenden Problemen zu erzählen, die in Familien entstehen können; aber Sarah N. Harvey gelingt sie meisterlich. Am Ende der 260 Seiten hätte man gern noch mehr gelesen; aber es ist wohl auch eine Kunst zu wissen, wann man aufhören und die weitere Geschichte dem Vorstellungsvermögen des Lesers überlassen muss.#Der Titel des Buches erschließt sich in der deutschen Übersetzung nicht so unmittelbar wie im englischsprachigen Original. "Three little words" heißt der Roman; und die Autorin gibt jedem Kapitel eine Überschrift, die aus jeweils drei einsilbigen Worten besteht, zum Beispiel: "Have a Heart", "When in Doubt", "Make It Stop" oder "Over the Moon". Das erfahrene Übersetzerpaar hat davon Abstand genommen, diese Kurzüberschriften ins Deutsche zu übertragen, wohl mit gutem Grund. Die Kapitel sind schlicht durchnummeriert. Das tut dem Verständnis jedoch keinen Abbruch, zudem Ulli und Herbert Günther eine wunderbar leichte und zugleich sprachlich hochanspruchsvolle Übersetzung gelungen ist - ein wichtiger Beitrag zum Lesegenuss, der leider nur selten ausreichend gewürdigt wird. Es dauert also etwas, bis die "drei kleinen Wörter" dem Leser im deutschen Text begegnen - und (das kann vorweg verraten werden) es handelt sich nicht um "Ich liebe dich". Manchmal gibt es sogar Wichtigeres als dies.
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