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      <marc:subfield code="a">Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Michael Wildauer; #Erzählungen in Gedichtform. (DL)#"Abschied von Sidonie" haben tausende SchülerInnen gelesen, auch "Auroras Anlass" ist ein Klassenlektüre-Klassiker. Erich Hackl ist bekannt für seine knappe, nüchterne Art, von berührenden Schicksalen zu berichten. Da überrascht es, wenn man einen Gedichtband im Regal findet. Der Titel ist eine Paraphrase zu Bettina von Arnims "Dies Buch gehört dem König", und so adelt der Autor indirekt seine Mutter, die zwar schon gestorben ist, jedoch schrieb er das Werk nach eigenen Angaben in ihrem und nicht gegen ihren Sinn.#Das Buch kann man aber getrost neben seine Erzählungen in die Bibliothek stellen, denn Hackl lässt die Erinnerungen der Mutter von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart Revue passieren, einmal heiter, einmal traurig, aber stets mit einem hohen moralischen Anspruch. Die aneinandergereihten Szenen, die auch einen Roman ergeben hätten können, sind historisch genau und mit kühlem, präzisem Blick geschildert. Hackl will nicht mit Lautklang verzaubern, verzichtet auf geschliffene Sprache, um das Lebensgefühl der Mutter authentischer zu vermitteln.#Am interessantesten ist wohl der Wertewandel. Wie wenig hatte man früher, und wie wenig bedurfte es, sich zu freuen. Doch beim moralischen Anstand sind wir heute keine Überflussgesellschaft, und diese Divergenz lässt einen nachdenklich zurück. Fazit: Ich bin zwar keine Mutter, aber so ein Buch hätte ich auch gerne.## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Gerhard Zeillinger; #Literatur als Geschenk#Als ich das Buch aufschlug, war ich verblüfft - und anfänglich sogar enttäuscht: Ich hatte eine Erzählung erwartet und ich blätterte Gedichte auf. Als ich zu lesen begann, war ich beglückt: Die Texte, in Gedichtform angeordnet, sind die Erzählung, eine, wie ich bald merkte, wunderbare, schöne Geschichte, die gar nicht geglückter hätte geschrieben werden können. Sie trägt im Titel die Widmung an jene Person, die eigentliche Erzählerin, Erich Hackls Mutter Maria. Genau genommen hätte sie Henriette hätte heißen sollen - so hatte es nämlich deren Mutter unmittelbar nach der Geburt, als nicht klar war, ob das Kind überleben würde, dem Vater aufgetragen. Doch der und sein jüngerer Bruder, als Pate ausersehen, gingen erst ins Wirtshaus, dann zum Pfarrer. "Es war Anfang August. Der Durst war groß." Später in der Kirche wussten sie nicht mehr, auf welchen Namen das Kind getauft werden sollte. Beim Anblick der Muttergottes am Seitenalter sagte der Vater schließlich: Maria. "So kam ich zu meinem Namen, dem falschen. / Meine Mutter weinte vor Wut, / als er ihr sein Versagen gestand. / Sechs Tage lang redete sie kein Wort mit ihm. / Am siebenten bat er sie kleinlaut, / was nicht seine Art war, / ihm wieder gut zu sein."#Das hört sich anekdotenhaft an und ist es doch nicht. Erich Hackl erzählt auch die eigene Familiengeschichte, vielmehr die seiner Mutter, mit der Ernsthaftigkeit der großen Geschichten des 20. Jahrhunderts, als deren poetischer Chronist er längst zu einer Instanz geworden ist. Das Erzählen folgt hier nur einer anderen Form, der "Stoff" ist kein in sich geschlossenes Material. Entsprechend hat der Autor aus den Erinnerungssplittern seiner Mutter keine durchgehende Erzählung gestaltet, er hat das Überlieferte in seinen ursprünglichen Bildern und gleichsam in seiner "Originalsprache" verarbeitet und so den authentischen Charakter des Mitgeteilten bewahrt, ihm gleichzeitig eine künstlerische Form gegeben, die so unaufdringlich und einfach wie überzeugend ist.#Die Fragmente von Maria Hackls Biografie spiegeln die Welt einer Kindheit und Jugend im Unteren Mühlviertel nahe der tschechischen Grenze wider, eine dörfliche Atmosphäre vor den Zeitereignissen der 1930er- und 1940er-Jahre. Von dieser Welt hat die Mutter ein Leben lang erzählt und ihre Geschichte als Hinterlassenschaft anvertraut: "Ich bin nun, nach ihrem Tod, darangegangen, mich dieser Welt zu versichern", schreibt der Sohn in einer Nachbemerkungen und erklärt, warum dieses Buch folgerichtig auch ihr, der Mutter, "gehört", habe er doch diese Welt "mit ihrem Blick und in ihren Worten" wahrzunehmen versucht.#Das Menschen-, Zeit- und Landschaftsbild, das dabei entstanden ist, hat viel mit Empathie, Respekt und Würde zu tun, es verklärt nicht, es schafft auch im Nachhinein nicht jene Idylle, die Erinnerungen gerne hervorrufen, vielmehr ist darin der Realismus karger Lebensumstände in einer politisch schweren Zeit abgebildet, in einer einfachen Sprache, die nicht gültiger jenes einfache Leben, seine Herbheit, sein Glück und Unglück, eben seine Besonderheit zum Ausdruck bringen könnte.#"Hafer und Roggen und jede Menge Erdäpfel. / Dazu Rüben. Flachs. Mehr ließ der Boden nicht aus. / Die Äpfel waren sauer, die Zwetschken fielen / unreif vom Baum. Birnen, ja Birnen gediehen, / aber sie waren klein und matschig und schwarz / und hielten sich nur ein paar Wochen."#Das Leben auf dem Land folgte archaischen Gesetzen, es gab fünf Arten von Unglück: "sich verschulden", "sich versaufen", "abbrennen", "abhausen", und das größte Unglück: "ledig schwanger werden". Das ist einer Tante der Mutter passiert: "Blitzsauber war sie, habe ich gehört. // Sie hätten sie festgehalten / zu dritt, der Vater, die Mutter / und der Gendarm, // so habe ich es gehört, // und der Arzt habe ihr beim Abtreiben / die Blase zerrissen. / Sie habe geschrien, daß es noch in Maasch / zu hören gewesen sei. // () So sei sie gestorben, schreiend."#Es ist eine mitunter brutale Gesellschaft, die die Gesetze vorgibt, und dennoch ist nichts Außergewöhnliches daran. Hackl berichtet davon im selben Ton, wie er die harmlosen Dinge beschreibt: "Bei der Rehberger ihrer Schwester / gab es frisch gebackene Krapfen / und für jeden ein Häferl Milchkaffee." Aber auch was so harmlos beginnt, hat etwas Verfängliches, Gewalt wird in der Schule und zu Hause erlebt, und später heißt es heiraten und ausgeliefert sein, die klassische Rolle der Frau, die ihren Traum vom Glück besser hinter dem Kleine-Leute-Alltag zurückhält. Im schlimmsten Fall aber folgen auf heiraten: Alkoholismus, Schulden, "abhausen".#Vor allem aber ist das Leben auf dem Land ein kollektiver Zwang:#"Nur nicht was anderes tun als die anderen. / Nur nicht sich auf die eigenen Füße stellen. / Nur nicht der Sehnsucht sich hingeben. / Nur nicht den Ernst der Lage aufs Spiel setzen."#Nur wer einmal in der Großstadt war, als Dienstbotin bei einer "Herrschaft", hat eine Ahnung vom anderen Leben bekommen, das trotzdem fremd und verwehrt bleibt. In der Großstadt gibt es auch Juden, und die Umstände ihres "Verschwindens" machen später auf dem Land die Gerüchte über das, was in Mauthausen und Gusen geschieht, begreifbar: "Natürlich ­wussten es alle."#Die ersten 25 Jahre im Leben der Maria Hackl fallen in die großen dunklen Zeitläufe des 20. Jahrhunderts: der Krieg, aus dem der Lieblingsbruder nicht mehr zurückkommt, das denunziatorische NS-System, Volkssturm, Deserteure, Flüchtlinge, die Russen Hinter der großen Geschichte steht immer der kleine schicksalhafte Moment, auf den ersten Blick kaum erzählenswert, doch gerade die kleinen und großen Sehnsüchte, Abgründe, Katastrophen, die das Leben auf dem Land bestimmen, formen eine allgemeingültige Geschichte.#Es sind archetypische Bilder und gleichzeitig individuelle Erinnerungen: an das erste Fahrrad, das noch aus Holz war, und die ersten Schier; an das erste Schiff, das das Kind auf der Donau gesehen hat; an die Ausflügler aus der Stadt in ihren Automobilen; an die Romafamilien, die zweimal im Jahr durchs Dorf kamen; an den Dorfpfarrer, der von der Kanzel aus die Namen der ledigen Frauen verlas, die schwanger wurden; an die Häuslerkinder, von denen jedes zweite die "Fraisen" hatte; an das Geschichtenerzählen der Frauen, wenn sie Spindel und Rocken weggelegt hatten; an das Scheitelknien in der Schule; an das Heiraten und Verkuppeln, das ganz einfach ging: "Und? Würdest ihn mögen wollen? / Mögen würd ich ihn schon wollen."; an die Lebensmüdigkeit, gegen die es kein Mittel gab, und schließlich an Begräbnisse, die "bald lustiger" waren als eine Hochzeit, denn am Ende zeigten "Bier und Schnaps nach Bedarf", "Eierlikör für die alten Weiber", "Rumtee für die Verschnupften" und "Glühwein für den Herrn Pfarrer" ihre Wirkung.#Um die soziale Dimension zu vermitteln, genügen ganz einfache Sätze, scheinbar banale Bemerkungen wie: "Eine kleine Semmel kostete fünf Groschen", die sich sofort zu Literatur verdichten, mehr als bloß ein Zeitdokument: "Ich hatte es gut: meine Mutter gab mir jeden Tag / eine halbe Semmel mit in die Schule. // Die Rauh Hedwig, die so schön singen konnte, / hatte nie mehr als ein hartes Scherzel in der Tasche. / Oft war es verschimmelt."#Erich Hackl ist es auf wunderbare Weise gelungen, aus dem Chronikalen eine Erzählung wachsen zu lassen, die man, um einen alten Literaturbegriff zu bemühen, trefflich als poetischen Realismus bezeichnen könnte. Eines der schönsten Bilder - Bilder gegen die Kargheit dieses Lebens - beschreibt uns der Autor in den Worten seiner Mutter am Anfang: "Wir hatten als einzige einen Kirschbaum." Um ihn vor dem Frost zu schützen, zündete der Vater unter ihm ein Feuer an, der Rauch war so weiß wie die Blüten.#Und es sind einzelne Sätze wie diese, die das Buch so unvergleichlich schön machen, indem sie das Vergängliche mit dem Einmaligen zusammenschließen: "Der erste Zeppelin war auch schon der letzte."</marc:subfield>
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