Öffentliche Bücherei der Pfarre Ernsthofen
Kontakt und ÖffnungszeitenEntwurf einer Liebe auf den ersten Blick
| Bezeichnung | Wert |
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| Titel |
Entwurf einer Liebe auf den ersten Blick
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| Verfasserangabe |
Erich Hackl
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| Ort |
Zürich
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78 S.
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| ISBN13 |
978-3-257-06209-0
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| Annotation |
Die schmale Trennlinie von Erinnern und Erfinden / Erich Hackls Entwurf Entwurf nennt der Autor diese Novelle über eine kurze Liebe, die für ein ganzes Leben ausreichen mußte, und spielt dabei den literarischen Formwillen, der ihr zugrundeliegt, herunter. Der Anfang dieser Liebesgeschichte ist genau datiert: mit dem Augenblick, als die Krankenschwester Herminia Roudière Perpiñß im Jänner 1937 den Krankensaal eines spanischen Lazaretts betritt und des verwundeten Wiener Spanienkämpfers Karl Sequens ansichtig wird. "Es war, sagt ihre Tochter, Liebe auf den ersten Blick." Ihr Ende ist mit dem Tod der Liebenden nicht beschlossen, sie lebt in der Tochter fort. "Sie war es wert", antwortet Herminia am Ende mit einem Blick auf ihre Tochter. Dazwischen liegt das Leben dreier Menschen. Wenn Hackl die Geschichte von Herminia und Karl erzählt, die Vorgeschichte, bevor die Tochter Rosa María als Zeugin auftreten kann, tut er das nicht mit dem Gestus des allwissenden Erzählers, sondern mit der Redlichkeit des Chronisten. Er füllt die Lücken in der Überlieferung nicht selbstherrlich aus, sondern thematisiert den hypothetischen Charakter seiner Vermutungen mit Formulierungen wie: "Es fällt schwer, Karls Spuren durch sein erstes Kriegsjahr zu folgen... Schwer zu sagen, wie und wann einer Tugenden erwirbt... Denkbar, daß... Ungefähr so, stelle ich mir vor." So wird verhindert, daß die Geschichte in den Verdacht der Fiktionalität gerät, in der alles so sein könnte, wie es erzählt wird, aber auch ganz anders. Die Quellen werden genannt und voneinander unterschieden, denn die Spuren der Vorgeschichte und der Familiengeschichten zu sichern, erweist sich als akribisches Zusammentragen von Hinweisen, meist nur in Form eines Datums und eines Namens in einem Register, einem Protokoll. Diese Brechung des Erzählens durch den Kunstgriff des Protokollarischen ist nicht nur eine Festschreibung des Erzählers in seiner Begrenztheit als Chronist, es geht hier auch um die Möglichkeiten der Wahrheitsfindung im literarischen Text, um die poetologische Frage nach der Deckungsgleichheit von tradierten, erinnerten, recherchierten Geschichten und deren erlebter Wirklichkeit, letztlich also um ein Nachspüren der schmalen Trennlinie zwischen Erinnern und Erfinden. Dabei entstehen gleitende Übergänge von den Dokumenten, Urkunden, Eintragungen in Registern, den auffindbaren Spuren der nackten Fakten eines Lebens, zu den Berichten und Anekdoten der Menschen, die dieses Leben, oft nur für einige Stunden oder Tage, kreuzten, der Mitkämpfer in Spanien, die sich erinnern, manchmal nur mit einem Satz: "Sequens habe nie herumgeblödelt, sagt Furch, sich nie danebenbenommen, sagt Landauer." Bei aller Akribie des Sammelns von Lebensdaten und Erinnerungen anderer schleichen sich Unschärfen ein, und hier werden die Weichen des Erzählens gestellt, im Erzählton, in der Einfühlung. Es drängen sich Interpretationen der bloßen Fakten auf, die die Grundgestimmtheit des Texts bestimmen, auch wenn sie als Hypothesen gekennzeichnet werden. Etwa beim Betrachten von Fotos, des Hochzeitsfotos vom Februar 1937, drei Wochen, nachdem sie sich kennengelernt haben, vielleicht weil sie spüren, daß ihnen nicht viel Zeit bleibt. Es ist eine zusammengewürfelte, kleine Hochzeitsgesellschaft, "es könnte sich ebensogut um ein Familientreffen handeln oder um eine Betriebsfeier. Die Umstände der Festlichkeit teilen sich denen mit, die ein scharfes Auge haben und ein gutes Gehör." Mit diesem genauen, einfühlenden Blick sieht der Autor nicht nur das Erscheinungsbild von damals, sondern er denkt die Lebensumstände mit und die Situation jedes einzelnen, die zu der Augenblicksaufnahme geführt haben, und auch die spätere Geschichte eines jeden. Bald kommt der authentische Bericht der Kronzeugin Rosa María hinzu, die im Jänner 1938 geboren, aber erst bei einem kurzen Fronturlaub des Vaters im März ins Geburtenregister eingetragen wird. Rosa lernt ihren Vater nie kennen. Mit der zurückweichenden republikanischen Front flüchtet er nach Frankreich. Auch Herminia flüchtet mit dem Kind nach Frankreich, aber dort kreuzen sich ihre Wege nicht mehr, ihre Fluchtwege durch Europa führen sie nicht mehr zusammen. Herminia wartet in Frankreich auf Nachricht, Karl liefert sich den deutschen Behörden aus, in der Hoffnung auf Repatriierung und um seine Familie in Wien in Sicherheit zu bringen. Statt dessen wird er nach Dachau deportiert, von dort nach Lublin, dann nach Auschwitz, er stirbt wenige Monate vor Kriegsende im Konzentrationslager Dora-Mittelbau. In seinen Briefen findet sich keine Erwähnung der Strapazen und Schrecken seiner Erfahrungen, seine Sorge gilt Herminia und dem Kind, und selbst aus der Gefangenschaft sucht er nach einem Ort, wo sie heimisch werden könnten, später, wenn Friede sein wird. Diese lebenslange Suche nach Heimat, nach dem unauffindbaren Ort endgültiger Behaustheit, ist neben der Liebe der zweite Fokus der Novelle. Aber Wien und Karls Familie, der er Herminia und Rosa anvertraut, werden zur Quelle der Bitterkeit und Trauer, zum Ort der Demütigung und der Fremdheit. Sie fliehen nach Bayern, versuchen sich durchzuschlagen, der Makel des Andersseins wird zur Grunderfahrung der Tochter - als Halbwaise, als Tochter eines Kommunisten, als Französin, durch ihre Armut. Erst beim dritten Versuch gelingt es Rosa, in Wien Fuß zu fassen. Da ist es für Herminia schon zu spät, aber sie hat bis zu ihrem Lebensende an Karls Wunsch, Wien zu ihrer Heimat zu machen, festgehalten. Seither, seit 1972 ist Rosa in Wien, obwohl sie sich in Spanien wohler gefühlt hätte. Sie erfüllt den Auftrag ihrer Eltern. Heimat ist Wien nur bedingt geworden, durch den Lebenspartner. Hackl gelingt durch diese mit großer Zuneigung zu seinen Protagonisten, aber auch mit großer Zurückhaltung geschriebenen Novelle, was der zeitgenössischen Literatur immer seltener gelingt: plastische, lebendige Figuren zu gestalten, die uns berühren. *LuK* Anna Mitgutsch##http://www.rezensionen.at
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