Nicht wie ihr
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| Titel |
Nicht wie ihr
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| Untertitel |
Roman
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| Verfasserangabe |
Schachinger, Tonio
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| Medienart | |
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| Person | |
| Auflage |
Vierte Auflage
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| Verlag | |
| Ort |
Wien
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| Umfang |
302 Seiten
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| ISBN10 |
3-218-01153-1
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| ISBN13 |
978-3-218-01153-2
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| Schlagwort | |
| Annotation |
Nominiert für die Shortlist des Deutschen Buchpreises
2019Gewinner des Förderpreises zum Bremer Literaturpreis 2020
Ivo wusste immer schon, dass er besonders ist. Besonders cool, besonders talentiert, besonders attraktiv. Alle wussten es, seine Familie, seine Jugendtrainer, seine Freunde im Käfig. Jetzt ist er einer der bestbezahlten Fußballer der Welt. Er verdient 100.000 Euro in der Woche, fährt einen Bugatti, hat eine Ehefrau und zwei Kinder, die er über alles liebt. Doch als seine Jugendliebe Mirna ins Spiel kommt, gerät das sichere Gerüst ins Wanken. Wie koordiniert man eine Affäre, wenn man eigentlich keine Freizeit hat? Lässt Ivos Leistung auf dem Spielfeld nach? Und was macht eigentlich seine Frau, während er nicht da ist? Einmal in Ivos Gedankenwelt eingetaucht, lässt sich Tonio Schachingers Debütroman schwer aus der Hand legen. Es ist nämlich dieser rotzige, witzige und originelle Ton des Erzählers, der vom ersten Satz an fesselt. Gespickt mit Wiener Milieusprache und herrlichen Fußballmetaphern gibt der Roman Einblick in das Schauspiel des Profisports und entlarvt seine Spieler als Schachfiguren auf einem kapitalistischen Spielfeld.
"Als Ivo jung war, gab es nur einen Ort: ihn selbst. Alles andere, der Fußball, Brügge, London, Hamburg, die Clubs, Autos und Restaurants, waren nur Kulissen, die hinter ihm vorbeigetragen wurden, aber er war der Mittelpunkt, die Sonne, um die sich alles dreht."
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten, Michael Wildauer
Fußballstars sind so prominent, dass das einige Probleme abseits eines Allerweltalltags bringt. Apropos Abseits… (DR)
Ivo Trifunovic spielt in derselben Liga wie David Alaba und Marko Arnautovic und er spielt mit ihnen in der österreichischen Nationalmannschaft – leider nur in diesem Roman. Liebes- und Gesellschaftsprobleme eines Superstars werden aus einer sehr persönlichen Sicht geschildert. Die wunderschöne Spielerfrau, die Geliebte, die teuren Autos, die Flugreisen – alles eigentlich anstrengend. Ivo kommt aus einfachen Verhältnissen und ist so eine Art Parzifal, ein reiner Tor, der viel Wahres spricht. Die Passagen, wenn er mit seinem gesunden Menschenverstand sich gegen die Kommunikationscoaches sträubt, sind genauso gut wie die Beschreibung seiner Verzweiflung bei Liebesdingen. Schachinger Erstlingswerk gelangte sofort auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019. Bekommen hat ihn Saša Stanišic, aber einige Jurymitglieder haben sich vielleicht noch gut daran erinnern können, als 2023 Schachinger mit seinem zweiten Roman auf den Markt kam. „Echtzeitalter“ wurde vorgeworfen, dass zu viel von Computerspielen die Rede ist, aber es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, und Computerspiele haben heutzutage eine nicht zu unterschätzende Bedeutung im Leben der Jugend. Bravo, dass hier jemand im Lutherschen Sinn „den Leuten aufs Maul schaut“ und mit klugen Sätzen die jüngste Vergangenheit analysiert. Und schön, dass der Österreicher den Deutschen Buchpreis 2023 bekommen hat – wie Arno Geiger 2005 und Robert Menasse 2017.
Quelle: Literatur und Kritik, Rainer Moritz
Die Einsamkeit des Fußballstars
Tonio Schachingers Debütroman »Nicht wie ihr«
Ein Fußballroman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises? Das gab es 2016, als Philipp Winkler mit »Hool« nominiert wurde, und das gibt es drei Jahre später wieder, mit Nicht wie ihr, einem Roman des 1992 geborenen Tonio Schachinger. Beide Male handelt es sich um Debüts, und beide Male sieht sich derjenige Leser getäuscht, der eine sich um Meisterschaften, Pokalsiege, Fallrückzieher oder Pressing drehende Prosa erwartet.
Während Winkler in die norddeutsche Hooligan-Szene eintauchte, deren Akteure sich kaum für das Spielgeschehen, dafür umso mehr für die Randale vor dem Anpfiff interessieren, widmet sich Schachinger einem jener Stars des Boulevards, die dank explodierender Transfersummen und abnormer Gehälter binnen kurzer Zeit zu Jungmillionären werden, und lässt den Ball selbst kaum einmal rollen. Ivo Trifunovic, siebundzwanzigjähriger, aus Bosnien stammender österreichischer Nationalspieler, ist Schachingers Held, der auf den ersten Blick alle Insignien eines neureichen Aufsteigers aufweist. Er hat sich eine Ehefrau mit »perfekten Brüsten« zugelegt, ist Vater zweier Kinder und fährt standesgemäß Bugatti – ein Wochengehalt von 100?000 Euro macht das und vieles andere möglich.
Das runde Leder ist sein Lebenselixier; »nichts anderes auf der Welt« könnte er machen, »als Fußball zu spielen«. Obwohl er noch im besten Sportleralter ist, hat er schon etliche Höhen und Tiefen hinter sich. Mit zwanzig gewann er – wenngleich nur als Ersatzspieler – mit Chelsea die Champions League. Anschließend kickte er erfolglos für Real Madrid und suchte sein Glück hier und dort, auch in Deutschland, wo er beim Hamburger SV, der ständig seinen längst verblichenen Triumphen unter Trainer Ernst Happel nachtrauert, größte Qualen erlitt.
Auch als Nationalspieler schafft er es nicht, auf sich aufmerksam zu machen, denn mit Österreich scheitert er allen Vorschusslorbeeren zum Trotz kläglich bei der Europameisterschaft 2016. Aktuell ist er im Mittelfeld der englischen Liga, beim FC Everton, angekommen, und die Chancen, dass es Ivo noch einmal zu einem Topverein schaffen wird, sind gering.
Der Reiz dieses Romans besteht darin, dass sich sein Autor nicht damit zufriedengibt, einen dumpfen, allen Klischees entsprechenden Profi zu schildern und sich damit als Gesellschaftskritiker zu positionieren. Gewiss, Ivo liebt es, sich mit Statussymbolen zu umgeben, und sobald ihm missliebige Zeitgenossen über den Weg laufen, besteht sein Vokabular vor allem aus Wörtern wie »Hurenkind«, »Missgeburt«, »Opfer« oder »Lutscher«. Doch gleichzeitig ist Ivo ein Außenseiter, der seinem Berater eher hilflos ausgeliefert ist, unter Einsamkeit leidet und sein Privatleben kaum in den Griff bekommt. Bei aller Liebe, die er für seine Familie empfindet, lässt er sich auf eine Affäre mit seinem Jugendschwarm Mirna ein. Wie diese lebt, vermag er nicht zu begreifen – und gerade deshalb erliegt er ihr. Besonders empört es ihn, dass Mirna, als er mit ihr Schluss macht, um seine Familie zu retten, nicht mit der ihm angemessen scheinenden Verzweiflung reagiert.
Nicht wie ihr ist literarisch und stilistisch kein großer Wurf. Schachingers Versuch, die Perspektive seines hin und her gerissenen Helden einzunehmen, überzeugt vor allem dort nicht, wo er diesem allzu gewichtige Gedanken in den Mund legt. Was es heißt, als Profi sein ganzes Leben Spielplänen unterzuordnen, das hingegen macht dieser Roman auf überzeugende Weise deutlich. En passant liefert Schachinger zudem charmante Sottisen, wenn er Torwart Manuel Neuer zu den »seelenlosen Maschinen« zählt, die aus der Retorte kommen und es in jedem anderen Metier ebenso zur Extraklasse brächten, oder über die geistigen Kapazitäten österreichischer Legenden (»Sogar Toni Polster wirkt neben Hans Krankl intelligent«) sinniert.
Auch für diejenigen, die über vierzig Jahre nach Cordoba (»I werd narrisch!«) immer noch Freude daran finden, über das Wesen des deutschen Fußballs nachzudenken, hält Schachinger einiges parat: »Die Deutschen verstehen nicht einmal, was Schönheit ist. Sie können die WM gewinnen, weil sie Erfolg so definieren, dass sie keine Fehler machen. (...) Deshalb gibt es fesche Deutsche, aber keine schönen und sogar die feschen sind fad. Niemand sonst kann auf so eine langweilige Art fesch sein wie sie. Die Deutschen sind schon fesch, wenn sie nicht entstellt sind.« Vielleicht sollte der deutsche Bundestrainer Joachim Löw ja beim nächsten Match seiner Mannschaft gegen Österreich, wenn es zwar nicht gegen den fiktiven Trifunovic, aber gegen den realen Marko Arnautovic geht, seinen Spielern zur Motivation etwas aus Tonio Schachingers Nicht wie ihr vorlesen.
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| BEMERKUNG |
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| Übersetzung |
Deutsch
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Band
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