Das Vaterspiel

Bezeichnung Wert
Titel
Das Vaterspiel
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Josef Haslinger
Medienart
Person
Verlag
Ort
Frankfurt/M.
Jahr
Umfang
576 S.
ISBN13
978-3-10-030054-6
Annotation
Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Alf Schneditz; #KONTROVERSE##Das Vaterspiel, um das es hier geht, heißt eigentlich »Vatervernichtungsspiel« und ist eine geradezu Freudianische Software das einzige übrigens, mit dem die Hauptfigur, der 35jährige Rupert Kramer, der typische Versager unserer Zeit, am Ende Erfolg hat. Dieser Rupert Kramer hat einen prominenten Vater, der ist oder vielmehr war der Verkehrsminister in Österreich und eine Parteigröße in der SPÖ, bis ihm das zum Verhängnis wird, worüber einige reale SPÖ-Minister in den achtziger und neunziger Jahren sehr effektvoll gestolpert sind: aus dem idealistischen VSStÖ-Funktionär ist ein wohlbestallter Machtpolitiker geworden, der zwar keine Ideale mehr, dafür eine ganze Sammlung von Aufsichtsratsposten hat.#Naturgemäß haßt Rupert Kramer seinen Vater. Jahrelang hat er an dem Computerspiel, mit dem man den eigenen Vater vernichten kann, gearbeitet. Als daraus schließlich der große kommerzielle Erfolg erwächst, ist er überzeugt, »in eine neue Weltordnung eingetreten« zu sein, in der das Geld des Vaters »ausgespielt« hat. »Sein Geld hat keine Macht mehr. () Ich habe in der Familie die Macht übernommen. Ab sofort diktiere ich.« Freilich, dieser Allmachtstraum kommt ohnehin zu spät, denn da ist die Familie schon zerfallen: der Vater hat seine Geliebte geheiratet und ist finanziell am Ende. Aber er bleibt derjenige, der gehaßt werden muß allein schon aus psychoanalytischen Gründen. Denn wenn dieser Rupert noch im Erwachsenenalter allnächtlich vor der Schlafzimmertür der Eltern lauscht, um nachher in seinem Zimmer zu onanieren, dann hört sich das sehr nach einer modernen Ödipusgeschichte an. Dabei ist Rupert eigentlich in seine Schwester verliebt, mit dreißig hat er immer noch keine Freundin und leidet darunter, daß er aussieht, so wie sein Spottname lautet: »Ratz«. Die Mutter meint zwar, man müßte einen Schönheitschirurgen einschalten, doch der Vater ist überzeugt, daß die häßlichsten Männer mit den schönsten Frauen verheiratet sind, wenn sie nur Erfolg haben. Doch Rupert verbummelt sein Studium, verbummelt das halbe Leben vor dem Computer, am Ende bleibt auch noch der väterliche Geldfluß aus. Aber da sind die Zeiten, wo man in der Designervilla im Wienerwald gelebt hat, ohnehin schon vorbei.#Das ist die eine Geschichte. Die andere spielt in New York und auf Long Island, wohin Rupert von Mimi, einem Mädchen, in das er einmal vergeblich verliebt war, gerufen wird. In einem Haus auf Long Island soll er ein Versteck für Mimis Großonkel, einen litauischen Emigranten, zimmern. Damit ist schließlich jene vorher schon stückweise eingeblendete Geschichte verbunden, die 1941 in Litauen spielt und vom Pogrom an den jüdischen Bewohnern von Kowno erzählt. Drei Familiengeschichten spielen hier zusammen, von denen zwei im Opfer/Täter-Verhältnis zueinanderstehen. Was die eigentliche Geschichte des Romans, der Zerfall der alten Ordnung in Österreich, damit zu tun haben soll, bleibt unbeantwortete Frage, und übrigens der einzige, zwar nicht Schwach-, aber doch unstimmige Punkt. Nur im Klappentext scheint die Verbindung, die keine wirkliche ist, mit dem Zusammenhang hingebogen, »daß man der Geschichte nicht entkommen kann«.#Hätte Haslinger das auf das österreichische Milieu bezogen, es wäre ihm ein Schlüsselwerk zur jüngeren Geschichte der Zweiten Republik gelungen, ein perfektes Porträt der jahrzehntelangen innenpolitischen Spaltung in rotes und schwarzes Lager. Rupert hat zwei Großväter, die stellvertretend für diese Konstellation stehen: der sozialdemokratische, atheistische Großvater in Wien, ehemaliger Dachau-Häftling und Stadtwerkebediensteter, und der bürgerliche Großvater im niederösterreichischen Scheibbs: katholisch, ÖVP-Mitglied, Hauptschuldirektor und Chorleiter. Die eine Familie ist der Antipode der anderen, verschworene »Katholen« gegen »rote Brut«. Man stelle sich die Szene vor, wie Rupert und seine Schwester nachträglich im Fischwasser des Scheibbser Großvaters getauft werden, ohne daß das nach wirklicher Taufe aussehen darf: da muß eigens aus Wien ein »roter Kaplan« anreisen, damit halbwegs ein Kompromiß zwischen dem »Scheibbser Lager« und den »eingefleischten Atheisten« herstellbar ist. Das, muß gesagt werden, beschreibt Haslinger überzeugend, und das wirkt auch, trotz eindrücklicher Schwarzweiß-Zeichnung, authentisch, weil eben in diesem Fall die Wirklichkeit so ist: auf der einen Seite das rote Wien, auf der anderen Scheibbs als Synonym geradezu für konservative österreichische Provinz, für katholischen ÖVP-Geist.#Ein klein wenig ist dieser Roman natürlich die Abrechnung mit einer degenerierten oder pervertierten SPÖ, im Grunde aber erzählt Haslinger diese Entwicklung so selbstverständlich, als wäre es eine ganz normale Zeiterscheinung. Und das »Vaterspiel« ist auch ein sehr aktueller Bildungsroman, nicht bloß auf die Hauptfigur bezogen, die Entwicklung gilt auch der politischen Landschaft, die aus dem Blickwinkel des Heranwachsenden linear mitbeleuchtet wird.#In Österreich dominierte Haslingers »Vaterspiel« eigentlich von Beginn an die Bestenlisten, in Deutschland ist das nicht so. Dort sieht die Kritik den Roman auch bei weitem differenzierter und teilt die Zustimmung hierzulande kaum. In einem stimmen die deutschen Kritiker überein, daß es sich hier um einen politischen Unterhaltungsroman handelt. Haslinger, das hat schon sein »Opernball« gezeigt, hat die amerikanische Romantechnik intensiv studiert und beherrscht diese mittlerweile perfekt. So verwundert auch nicht, wenn man sich nach wenigen Seiten schon sagt: Endlich ein Roman, ein wirklicher Roman! Haslinger schafft etwas, was im Deutschen anscheinend nicht (mehr) gelingt. Natürlich, der Roman-, überhaupt der Literaturbegriff in Amerika ist ein anderer, und so wird man zögern, Haslingers Roman der wahren Literatur zuzuordnen und ihn eher der unterhaltenden Belletristik zuweisen. Doch dafür, soviel ist klar, ist Haslingers »Vaterspiel« zu gut.#*LuK* Gerhard Zeillinger##Ein spannendes, ein nützliches, ein korrektes also: ein gut geschriebenes Buch. Ist es ein Zeitroman? Ist es ein Gesellschaftsroman? Oder ist es einfach ein zeitgenössischer Roman? Liegt der Schreibfinger des Schriftstellers am Puls seiner Zeit?#Wie schon beim »Opernball« sind wir, Leser und Leserinnen, auch diesmal wieder die Adabeis der Geschichte. Die Toten sind jetzt weniger, oder besser: sie bleiben im Hintergrund. Diesmal gibt es statt 3000 (dreitausend) wirklich nur einen idealen Toten: der Schritt vom konkreten Massenmord zum virtuellen Vatermord ist ein natürlicher. Natürlich: was wäre ein Wiener Schriftsteller ohne Freud? Ein freudloser Schriftsteller. Wir aber wollen unternehmungslustige Schriftsteller, die ihre Helden auf Reisen schicken, wo sie sich in der modernen Welt von heute behaupten lernen. Diesmal geht es nach New York und Umgebung, heutzutage fahren viele Wiener nach New York. Aber was wäre New York ohne Computer-High-Tech, Penthouse-Lofts und haufenweise Geld, das man man weiß selbst nicht wie irgendwie on-line verdient. Man muß Ideen haben, das Geld liegt auf der Straße.#Aber wer wüßte nicht, daß die Welt so einfach nicht ist. Es gibt auch andere Menschen, Sozialdemokraten zum Beispiel. Seit es den Kreisky nimma gibt, gehts denen nicht so gut. Er war irgendwie der letzte, dann war noch ganz kurz der Sinowatz, aber der war schon ganz fehl am Platz. Nicht fesch genug fürs Fernsehen. Seither waren alle fesch. Sogar der neue hat schöne Augen, heißt es. Aber die Feschaks brauchen immer einen Haufen Geld, weil das Image und das Styling, das kostet. Zum Glück leben wir in einer Welt ohne Mangel. Wir haben alles. Wir haben Computer, die können »automatisch hochgefahren« werden, man schreibt einfach »einen Startbefehl in die Autoexec-Kartei«, auch wenn man sich mit »MS-DOS-Befehlen« vielleicht nicht so gut auskennt. Hauptsache, man ist dabei. Dabeisein, nicht verstehen ist wichtig! Also gibt es auch noch ein bißchen die Freuden des Techno-Alltags wie die ferngesteuerte Autozentralverriegelung (»Sie öffnete die Tür mit der in den Schlüssel integrierten Fernbedienung. Die Blinklichter leuchteten kurz auf.«, und gleich nachher den Telepaß: »Mimi fuhr in die Expreßspur. Sie hatte an der Windschutzseite ein kleines elektronisches Kästchen montiert, das die Schranken öffnete und die Maut automatisch vom Konto abbuchte.«) In »Opernball« gabs die fachmännische Beschreibung von gewissen, fliegenden Kampfgeräten. Als hätte sich der Autor in den Fachzeitschriften darüber informiert. Deshalb haben diese Beschreibungen immer etwas Komplizenhaftes, auch wenns nicht so gemeint ist. Der Leser und vor allem natürlich die technisch oft weniger versierte Leserin! soll vor allem staunen darüber, was es nicht alles gibt auf dieser Welt und darüber, was ein Schriftsteller heute alles WISSEN muß, will er ein gut recherchiertes Buch schreiben. Wir denken bei dieser Recherche heute freilich nicht mehr an die verlorengegangene Zeit, sondern eben an das Wissen, was uns, den Info-Schlaraffen, von überall her wie Milch, Honig und gebratene Tauben um die Ohren fliegt. Wir müssen uns eben nur durchfressen. Durch diesen Überfluß. Also, ein Schriftsteller muß in diesem Sinn auf der Höhe der Zeit sein Freilich, jetzt sage niemand, dieses Buch erschöpfe sich im Technorausch. Das würde ja niemandem genügen, wir sind Menschen aus Fleisch und Blut. Wer als Mann manchmal einer Frau, die die MS-DOS-Befehle nicht so richtig kennt, helfen muß, einen Computer hochzufahren, der muß sich auch manchmal selbst helfen und sich einen runterholen. Nun ist ja der sozialdemokratische Realismus in der Literatur nicht mehr so prüde wie seinerzeit Uwe Timms »Heißer Sommer«-DKP-Bügelfalten-Sex. Damit holt man keine müde Mark aus verlegerischen Hosensäcken, und es glaubt auch niemand mehr so richtig, daß die Onanie ihren Opfern das Mark aus den Knochen saugt. Jedenfalls seit Handkes-Badewannen-Szene, die noch 1972 vom Autor persönlich in Rauris vorgelesen ein zwischen Lust und Abscheu schwebendes Aufstöhnen hervorbringen konnte: also das kann man heute schon so richtig realistisch bringen. Aber alles Plastik. War Handke noch engagiert und sein Held einsam in der Hotelbadewanne, blickt Haslingers Schreibauge postmodern kalt ins Intime des samenproduzierenden Individuums: »Ich starrte auf die Folge aufklaffender Arschlöcher und mußte ausgerechnet in dem Moment, in dem mein Samen auf den Boden klatschte, feststellen, daß das Loch, das ich in meiner Vorstellung gerade mitgefickt hatte, einem Mann gehörte.«#Ist das Realismus? Ja, der Literaturhistoriker würde es vielleicht bürgerlichen Realismus nennen, 2. Hälfte 19. Jahrhundert, auf Jahrtausendwende adaptiert. Schon als ich »Opernball« las, mußte ich an Gustav Freytag denken. Und auch im »Vaterspiel« fehlt nichts, was zu unserer Zeit gehört, von der Umweltfrage bis zur Vergangenheitsfrage. Deshalb kommen wir außer nach Wien und New York und Umgebung nicht nur an den Attersee, sondern auch in das von den Nazis besetzte Litauen. Hier wird der bis in die Gegenwart reichende dramatische Knoten geschürzt, hier wird der Unterhaltungsroman über den Niedergang der österreichischen Sozialdemokratie kritisch-gekonnt mit der Geschichte verflochten. Aber wie schon in Spielbergs »Schindlers Liste« hat dies alles nur dramaturgischen Wert und verkommt so zu den Versatzstücken eines Nazi-Sozi-Polit-Thrillers. Im Versuch, sich dem Leser (der Leserin?) anzubiedern, hat jedes Geschehen den gleichen Stellenwert, so wie die als ironisch gebrochenes Motto funktionierende Liste der Namen auf der ersten Seite, die von Ralph Bendix und Bill Clinton über Heinz Conrads, SS-Hauptsturmführer Jordan und Pablo Picasso bis Klara Zetkin reicht. Freilich, vor Gott und vor dem Gesetz sind wir alle gleich, und außerdem ist das nur ein raffinierter Hinweis, diesen Roman nicht etwa als Schlüsselroman über die Sozialdemokratie der 2. Republik zu lesen. Aber die Gleichmacherei macht eben vor nichts halt, und so wird der Massenmörder, der sich seit 30 Jahren in einem Keller in der Nähe von New York versteckt, eine bedauernswerte Figur. Zwar bleibt er, allein schon wegen seiner Kellerexistenz, unheimlich, aber er wird mit jeder Seite menschlicher. Wir kommen ihm, zusammen mit dem Ich-Erzähler, immer näher. Und selbst nach dem Geständnis sind wir nicht mehr sicher, ob er vielleicht nicht doch nur ein bißchen merkwürdig (pervers?) ist und es sich nicht einfach um eine tragische Verkettung von Schicksalen handelt. »Sieht so ein Massenmörder aus?« fragt sich der Ich-Erzähler.#Die eine Frage ist, wie der Schuldige heute literarisch darzustellen ist: als der »Mann, der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete«, oder als der Mann, der vom Balkon aus Menschen erschießt. Die andere Frage ist die nach dem historischen Schlußstrich: Ich denke, auch für die Spätgeborenen kann es keinen postmodernen Nachlaß geben. Es muß die »Engführung« sein, in der die Überlebenden und die Toten sich als unauflösbare Ab-Rechnung gegenüberstehen.#Das ist alles sehr raffiniert gedacht, von uns beiden, vom Schriftsteller und vom Rezensenten. Aber am Schluß wird alles viel unmittelbarer, simpler, schneller gelesen, als wir es beide wohl jemals geglaubt hätten: Wie schon »Opernball« so habe ich auch »Das Vaterspiel« in einem Zug gelesen. Es sind ja, wie gesagt, zwei gut recherchierte und auch gut geschriebene Bücher. Mit dem Essen kommt der Hunger, sagt man. Das gilt für den Bestseller-Hersteller wie für den spannungslüsternen Leser. Im Zug von Salzburg nach Mailand also lese ich abwechselnd in Hartingers »Sagen. Eine Arbeit« und in Haslingers »Vaterspiel«. Da steigt in Kufstein eine Gruppe von Tiroler Bergkamerad/inn/en ein, gerüstet für die Bergtour. Kurz vor dem Aussteigen in Innsbruck sagt eine, auf das »Vaterspiel« deutend: »Wissen S eh, daß da die Seiten 285 oder so falsch druckt ist« Da es sich bei meinem Exemplar um ein »unverkäufliches Leseexemplar« handelt, kann ich die falsch gedruckte Seite nicht finden, und schließe den Buchdeckel mit dem beruhigenden Gedanken, daß der technische Fehler offenbar nur die in den Buchhandel gelangende Auflage betrifft. Dort werden dann wohl auch die paar Druckfehlerchen (populo, Blak Box, baletto) oder der Wiener Kaplan, der zu einem Buben »mein Junge« sagt, nicht mehr aufscheinen. Oder vielleicht wäre es besser, daß sie bleiben. Denn dieses Buch ist so vollkommen konstruiert, daß selbst die intendierte Kritik hinter den Details der Oberfläche verschwindet. Es fehlt ihm das Widerständige von Literatur. Es ist ein Buch, das ins Hirn des Lesers eindringt wie ein Messer in ranzige Butter.## ---- #Quelle: SCHRIFT/zeichen; #Nach dem Roman "Opernball" warteten aller Augen auf ihn, auf Haslingers nächsten Roman. Wird er wieder filmreif sein und die Literaturkritiker in zwei Lager spalten - in jenes, das Unterhaltung und Ernst verbunden, und jenes, das sie getrennt wissen will? - so wurde schon vor Erscheinen des Romans gefragt.#Nun, die Qualität dieses Romans lässt sich tatsächlich nicht einfach beurteilen. Doch zunächst zum Inhalt: Helmut Kramer, der nicht mehr wie sein Vater heißen will und sich daher nun Rupert nennt, fährt mit dem Auto zum Flughafen. Eine ehemalige Freundin hat ihn um Hilfe und nach Amerika gebeten. Rupert weiß allerdings nicht, worum es geht (im Unterscheid zum Leser, der den Klappentext gelesen hat). In einem zweiten Handlungsstrang werden in Teilen eines Protokolls die Aussagen von Jonas Shtrom, einem gebürtigen Litauer, wiedergegeben, die von den schrecklichen Ereignissen in seiner Heimat während des Zweiten Weltkrieges berichten: Shtrom glaubt in Amerika einen Kriegsverbrecher wiedergesehen zu haben. Rupert, Sohn eines Politikers, trifft schließlich in Amerika auf diesen Kriegsverbrecher, dem er ein Versteck bauen soll.#Beim Lesen kommen zunehmend gemischte Gefühle auf. Zum einen sicher deshalb, weil Haslinger erst nach etwa zwei Drittel der 573 Seiten auf das zu sprechen kommt, was der Verlag schon auf dem Klappentext ausplaudert und somit als Schwerpunkt gewertet wird, nämlich das Zusammentreffen des Kriegsverbrechers mit dem seinen Vater hassenden Politikersohn. Bis dahin ist der Leser viel mit dem Auto durch Schneetreiben gefahren und hat sich allerlei Rückblenden gefallen lassen. Zum anderen hat das zunehmende Unwohlsein damit zu tun, wie Haslinger hier diese zwei Erzählstränge zusammenführt: Nach dem langen Warten kann der Leser nur enttäuscht sein über die dünne Ausgestaltung des brisanten Themas, so oberflächlich wird das Treffen beschrieben. Sehr konträr zu den "Protokollen", deren Beschreibungen durch Mark und Bein gehen.#Dabei sind es interessante Storries, die Haslinger zu erzählen hat / hätte. Eine fast satirische Abrechnung mit der Geschichte Nachkriegsösterreichs und dem Abgesang der Sozialdemokratie, die personalisiert wird mit den Eltern Ruperts. Diese sind Sprösslinge zweier Familien, deren politische Weltansichten - die eine schwarz, die andere rot - nicht zueinander finden. Aus dem revolutionären Roten, Ruperts Vater, wird ein eingesessener Politiker, ja Minister, bis sich seine Partei veranlasst sieht, sich von ihm zu verabschieden.#Sein Selbstmord ist die Folge. Oder ist er die Folge von Ruperts Vatervernichtungsspiel, das im Internet auch für den Vater zu finden war? Ein Spiel, das aus der Virtualität getreten ist und den Vater wirklich getötet hat?#Der gemeinsame Nenner der Geschichten ist jedenfalls das 20. Jahrhundert - das Jahrhundert der Vaterspiele, der Gewalt der Männer.#Brigitte Schwens-Harrant#*Sz*#Februar 2001