Öffentliche Pfarrbücherei Patzmannsdorf

Kontakt und Öffnungszeiten

Herr Groll und das Ende der Wachau

Bezeichnung Wert
Titel
Herr Groll und das Ende der Wachau
Untertitel
Roman
Medienart
Person
Verlag
Jahr
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); Autor: Michael Wildauer; Ein Rollstuhlfahrer, der nicht nur räumliche Barrieren aufzeigt. (DR) Verehrungswürdige Leserin, werter Leser! Eine Aufgabe würdig eines Herkules ist es, dies Werk zu rezensieren, enthält es doch den korrekten Hinweis, "dass man vor Büchern schweigen soll". Tatsächlich wäre es obsolet, darauf zu verweisen, dass der Autor über einen großen Wortschatz, genaue Ortskenntnisse, ein umfangreiches historisches Wissen und eine politisch linke Gesinnung verfügt. Immerhin rollt Herr Groll auf seinem Stuhl "Joseph" nicht zum ersten Mal durch Österreich. Er belästigt uns auch nicht mit Belanglosigkeiten, sondern berichtet von Epochalem und Strukturellem in der Welt. Die Wiege der Menschheit wurde in der Wachau geschaukelt, die NS-Herrschaft hatte hier ihren grausamen Mittelpunkt, der Wein führt von hier aus seinen zerstörerischen Kampf gegen die gesamte Menschheit. So nebenbei wird auch eine Art Kriminalfall gelöst, aber auf so Sekundäres sollte man hier keine Zeile verschwenden. Riess gleicht in seinen ausufernden Schimpftiraden manchmal Thomas Bernhard, doch strahlt dieser Roman eine gewisse Leichtigkeit aus, eine liebevolle Ironie weht durch die Seiten und nimmt ein wenig die gewohnte Schärfe. Auch wenn sie politisch wohl nichts gemeinsam haben: Erwin Riess und Alois Brandstetter werden stilistisch immer ähnlicher. Die historischen Details sind verblüffend, kenntnisreich und leider wahr, sodass man ähnlich wie der Dozent, Grolls Freund, den Übergang von der Dichtung zur Wahrheit verpasst und dann nur mehr betroffen auf die Buchseiten blickt. Heimatkunde der besonderen Art, ein Lesevergnügen der seltenen Art. ---- Quelle: Literatur und Kritik; Autor: Bernhard Oberreither; "Humanismus oder Rübe ab!" Erwin Riess: "Herr Groll und das Ende der Wachau" Zwar gibt es einen Detektiv, gibt es ein paar Übeltaten und -täter; außerdem Verfolgungsjagden, Explosionen, erotische Intermezzi. Trotzdem steht auf Erwin Riess' neuem Buch, Herr Groll und das Ende der Wachau, "Roman", und nicht "Krimi"; selten wäre auch in einem, naja, Krimi, so gleichgültig, wer eigentlich was angestellt hat. Hier fahren zwei Leute im Coupé aus Wien heraus und durch allerlei exotische Ortschaften nordwestlich der Großstadt; es ist furchtbar heiß. Sie passieren Sehenswürdigkeiten (Schlösser, Golfclubs), besichtigen dies und das und reden ununterbrochen aufeinander ein. Einer von den beiden ist Herr Groll, Gelegenheitsdetektiv, Gelegenheitszuhälter, Journalist für Rollstuhl-Fachmagazine (und selbst Rollstuhlfahrer), nebenbei berichtspflichtig dem "Ständigen Ausschuss zur vollständigen Klärung aller Welträtsel", der beim Binder-Heurigen in Floridsdorf tagt. Der andere ist der Dozent: Privatgelehrter, Erbe und, hauptsächlich, Grolls rhetorischer Sandsack. In die Wachau fährt man aus mehrerlei Gründen: Der Umtriebe einer ominösen Weinritterschaft wegen, denen man auf den Grund gehen soll; wegen der finanziellen Verwicklungen um einen ungeliebten Schwager des Dozenten; und wegen einer vor langer Zeit verschollenen Jugendliebe des Herrn Groll, die aufgespürt werden muss. Eine Handvoll Fälle also, darunter aber kein wirklicher. Eigentlich treibt man, neben der autobiographischen Recherche Grolls, Tourismus: Regionalspezifisches rückt in den Fokus, wie im Genre üblich, hier allerdings weniger als Schauplatz denn als Anstoß für den immer nächsten historischen Exkurs. Groll chauffiert den Dozenten von Schlösschen zu Schlöss­chen, vom nicht rollstuhlgerechten Weingut zum unvermeidlichen Golfplatz, ein bitterer Reisführer, immer mit Blick auf die dunklen Kapitel der Vergangenheit. "Im Donautal werden Probeläufe für historische Umbrüche durchgeführt. Tektonische Risse in der Tiefenstruktur der Gesellschaft werden hier zuerst beobachtet", heißt es einleitend. Die aktuellen völkisch-sektiererischen Umtriebe, die aus Erwin Riess' Wachau einen Hexenkessel machen, sind nur die logische Fortsetzung historischer Sündenfälle: KZ-Außenlager, Zwangsarbeit, Erschießungen, Massengräber, Ziegelbarone und -sklaven und so fort. Alles das weiß Herr Groll. Herr Groll, damit wären wir beim Thema, weiß überhaupt alles, und wenn nicht, dann doch bald. Mit dem erhobenen Zeigefinger kann sein Watson, der Dozent, nicht immer gut leben: "Bei Ihnen ist jeder Furz historisch aufgeladen! Sie sind ein größenwahnsinniger Rollzwerg und sollten auf ewige Zeiten in einem Opel fahren müssen!" So sprechen sie miteinander, während sie in einem Renault auf längstmöglichen Umwegen durch die Landschaft gondeln. Diese Gesprächssituation grenzt immer ein wenig ans Absurde: Sportlich gemeint, aber erbarmungslos streiten die beiden, in einem Ton von begeisterter Großmäuligkeit und rhetorisch so elaboriert, fachlich so wohlunterfüttert und vor allem dermaßen ausgiebig, dass das Setting der Autofahrt dadurch jedenfalls gesprengt wird, zeitlich und logisch: Zweihundert Seiten müssen vergehen, bis der erste Tag zu Ende gestritten ist. Topographie und Handlung haben (vor allem in den ersten zwei Dritteln des Buches) nur spärliche Auftritte, der historische Exkurs findet gewissermaßen im luftleeren Raum statt. Mit diesen rhetorischen Scharmützeln folgt der Text nur alibihalber kriminalliterarischen Konventionen, eher den Regeln wohlreguliert-archaischer Sportarten wie Tjosten oder Boxen (fast erwartet man, zwischen den Runden einen Gong zu hören). Riess schreibt in der Tradition des lehrreichen Dialogs, weniger allerdings in Form eines sokratischen Unter-die-Arme-Greifens als vielmehr eines streitlustigen Auftrumpfens (wie etwa in den Radiodialogen Arno Schmidts - in denen es besagten Gong ja tatsächlich gibt). Der intellektuelle linke Underdog, der in der Anrede des Gegenübers zwischen deftiger Beleidigung und revolutionärem Pathos schwankt, gegen den Dozenten, das Söhnchen aus Hietzing, Großbildungsbürger von oft nur schwer aufrechterhaltener Blasiertheit - leicht zu erraten, wer hier gewinnt. Diese Mischung aus Ethik und Rhetorik, aus verbaler Gnackwatschen und moralischem Anspruch bestimmt das Buch. Einmal findet man sie im Text auch in destillierter Form, und zwar in der subtilen Forderung einer feinen, nach Kernöl und Stahlwolle riechenden alten Arbeiterin: "Humanismus oder Rübe ab!"
EAN
9783701312214